HNO-Ärztin untersucht einen Jungen an den Ohren © CBM

"Für viele Menschen ist die Lage katastrophal."

Bereits seit 18 Jahren lebt die die 52-jährige HNO-Ärztin Uta Fröschl in Afrika. Für die CBM arbeitet sie seit 12 Jahren. Mehr als acht Jahre leitete sie die HNO-Abteilung des Beit-CURE-Hospitals in Sambia. Im Jahr 2018 gingen sie und ihre Familie nach Äthiopien, wo sie nun lebt und arbeitet. Als die politische Situation in dem ostafrikanischen Land aber immer schwieriger wurde, musste sie mit ihrer Familie ausreisen. Das war im November 2021. Wir hatten die Gelegenheit, mit der Ärztin zu sprechen:

CBM: Beschreiben Sie uns bitte, was Sie in Äthiopien machen.
Uta Fröschl: Ich lebe mit meiner Familie seit 2018 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und arbeite dort für die CBM. Hauptsächlich bilde ich Fachärzte in Ohrenheilkunde aus, zum Beispiel, indem ich sie bei Operationen begleite und anleite. Oft genug operiere ich aber auch selbst noch, unter anderem wenn es sich um Operationen handelt, bei denen ein Arzt mit viel Erfahrung gebraucht wird.

CBM: Die politische Lage in Äthiopien ist aktuell angespannt. Hat dies Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Uta Fröschl: Die Situation wirkt sich auf unsere medizinischen Außeneinsätze in abgelegenen Gebieten aus, die wir eigentlich regelmäßig durchführen. Vor Kurzem planten wir einen Außeneinsatz in den Süden. Diesen mussten wir jedoch absagen, da wir durch Gebiete hätten fahren müssen, die für uns nicht sicher gewesen wären.

Viele Krankenhäuser und Gesundheitsstationen sind zerstört, die Mitarbeiter mussten fliehen, viele Menschen wurden getötet.

HNO-Ärztin Dr. Uta Fröschl über die Auswirkungen der Unruhen in Äthiopien.

CBM: Und wie wirkt sich die politische Situation auf Ihre Patientinnen und Patienten aus? Ist es für sie schwieriger geworden, medizinische Hilfe zu erhalten?

Uta Fröschl: Für viele Menschen ist es schwieriger geworden, Hilfe zu bekommen, weil das Reisen innerhalb des Landes schwieriger geworden ist – gerade was den Norden betrifft. Die Menschen versuchen so wenig wie möglich in die Tigray-Region zu reisen. Und für die Menschen in den betroffenen Regionen ist die Lage teilweise katastrophal. Viele Krankenhäuser und Gesundheitsstationen sind zerstört, die Mitarbeiter mussten fliehen, viele Menschen wurden getötet. Viele Patienten, die vor allem spezialisierte Behandlungen brauchen, finden keine Hilfe.

CBM: Können die CBM und ihre Partner etwas tun, um die medizinische Versorgung weiter zu gewährleisten?
Uta Fröschl: Ja, und das ist besonders wichtig, dass die lokalen Partner weiterarbeiten können. Die CBM hat vor Ort in den vergangenen Jahren stark den Ansatz der gemeindenahen Rehabilitation ausgebaut, sodass viele Leistungen in den Gemeinden selbst erbracht werden können. So ist eine grundsätzliche, breite medizinische Versorgung in den Gemeinden gewährleistet. In Gegenden allerdings, wo der Krieg tobt, sind viele Gesundheitszentren und Krankenhäuser geplündert worden, sodass kaum medizinische Versorgung mangels Geräten und Medizin möglich ist.

CBM: Sie und Ihre Familie mussten relativ kurzfristig aus Äthiopien ausreisen? Wie kam es dazu?
Uta Fröschl: Die Lage wurde immer angespannter. Rebellen aus dem Norden des Landes rückten immer weiter nach Süden vor. Auf ihrem Weg nahmen sie viele Städte ein. Als sie näher an Addis Abeba heranrückten, wurde der Katastrophenzustand ausgerufen. Es gab verstärkte Polizeikontrollen in der Stadt und die Stimmung in der Bevölkerung verschlechterte sich zusehends. Nach einiger Zeit rief das Auswärtige Amt dazu auf, dass deutsche Staatsangehörige zu ihrer eigenen Sicherheit ausreisen sollten. Und auch die CBM forderte uns auf, dass wir das Land verlassen sollten, was wir dann am 28. November auch taten. Aber wir hoffen, dass wir möglichst schnell wieder zurückreisen können.

Familie mit FFP2-Masken am Frankfurter Flughafen © Uta Fröschl
Abreise am Frankfurter Flughafen: Am 21. Dezember konnte Dr. Uta Fröschl mit ihrer Familie wieder nach Äthiopien zurückreisen.

CBM: Das geschah dann kurz vor Weihnachten?
Uta Fröschl: Ja, das war tatsächlich möglich. In Addis Abeba gibt es keine Probleme – außer dem Verkehr, der kurz vor dem orthodoxen Weihnachten verrückt ist (Anmerkung: Das orthodoxe äthiopische Weihnachtsfest findet zwei Wochen nach dem deutschen Weihnachten statt). Viele Äthiopier kommen aus dem Ausland über die Feiertage nach Hause. Überall werden Schafe und Ziegen zum Verkauf durch die Straßen getrieben und der Hühnermarkt auf meinem Arbeitsweg hat Hochkonjunktur – jeder will zu Weihnachten „Doro-Wot“ machen – einen gut gewürzten Hühnereintopf, das klassische äthiopische Festtagsessen.

CBM: Nun leben wir bereits im zweiten Corona-Jahr und das Virus beeinflusst unser Leben in vielen Bereichen. Wie ist denn die Situation in Äthiopien vor Ihrer Ausreise gewesen?
Uta Fröschl: Bis jetzt erlebten wir drei Corona-Wellen in Äthiopien, wovon zwei sehr schlimm waren. Zahlreiche Menschen sind gestorben und die Intensivstationen waren alle überlastet, sodass in vielen Krankenhäusern nur noch Notfälle versorgt werden konnten. Häufig gab es nicht genügend Sauerstoff für die Patienten und wir mussten viele Operationen verschieben. Gerade in den Städten, wo die Menschen eng zusammenleben, gab es einen hohen Grad der Durchseuchung. Jetzt wütet hier gerade die Omikron-Variante und gefühlt ist fast jeder infiziert. Allerdings habe ich derzeit – im Gegensatz zu der schlimmen Welle von Februar bis April – noch von keinem im Arbeits- und Bekanntenkreis gehört, der schwer erkrankt oder gestorben wäre.

CBM: Waren Sie persönlich ebenfalls durch das Virus betroffen?
Uta Fröschl: Glücklicherweise haben weder ich noch meine Familie sich infiziert. Dennoch hatten viele unserer Freunde und auch Kollegen und Kolleginnen Corona. Einige von ihnen sind gestorben. Das hat mich immer wieder belastet.

CBM: Gibt es denn überhaupt genügend Impfstoff für alle?
Uta Fröschl: Zwar ist Impfstoff vorhanden, doch der reicht bei Weitem nicht für die ganze Bevölkerung aus. Zuletzt waren es 10 Millionen Dosen. Bei einer Bevölkerung von 110 Millionen Menschen ist das natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

CBM: Vielen Dank für das Gepräch und alles Gute für die Zukunft.