Eine Frau hinter einer Glasscheibe, auf der das Licht ein Rautenmuster zeichnet, lebt ihre Hand auf die Scheibe. © Never Give Up – Ummul – Indien – Silent Tears Projekt

Never Give Up

Die Geschichte von Ummul aus Indien

Eine Frau blickt durch ein Fenster auf ein Regal voller alter Bücher. © Never Give Up – Ummul – Indien – Silent Tears Projekt
Ummul

"Einer Person mit Behinderung zu erlauben, zu existieren, einfach nur zu überleben, ohne dabei aber Chancen zu erhalten, ist für sie eine Grausamkeit. Es ist eine unsichtbare Gewalt, die ihnen angetan wird. Nach einiger Zeit unterstützte meine Familie die Idee meiner Ausbildung nicht mehr. Sie behaupteten, Grundschulbildung sei mehr als genug für ein Mädchen. Sie waren der Meinung, wenn man in der Lage ist, seinen Namen zu schreiben und einige Grundrechenarten zu beherrschen, dann sei dies Bildung genug.

Wahrscheinlich hatten sie noch keine Mädchen gesehen, die studieren und sinnvolle Dinge mit ihrem Leben machen – vor allem keine Mädchen mit physischen Behinderungen. Aber ich war sehr darauf bedacht, eine höhere Bildung zu erlangen. Ich sagte ihnen, dass ich, wenn ich zur Schule ginge, kein Geld von ihnen nehmen und alle Kosten für meine Ausbildung selbst tragen würde. Ich begann, die Kinder in der Umgebung meines Hauses zu unterrichten.

Die Kinder kamen nicht aus wohlhabenden Familien und waren nicht in der Lage, mir einen anständigen Betrag zu zahlen. Die monatlichen Einnahmen, die ich dafür erhielt, waren sehr gering (die monatliche Gebühr betrug weniger als einen Dollar pro Schüler), und deshalb musste ich eine Reihe von Schülern in mehreren Schichten stundenlang unterrichten, damit ich genug Geld verdienen konnte.

Ich begann meine Nachhilfestunden gegen 15 Uhr und beendete sie um 23 Uhr. Und ich unterrichtete nur die Schüler, die jünger waren als ich. Es war eine Situation, in der ich meine Kindheit überhaupt nicht genießen konnte, und ich wurde dadurch vorzeitig erwachsen. Ich begann, mich wie eine Erwachsene zu verhalten, als ich selbst noch in der Mittelstufe war. Bei Bildung geht es nicht nur darum, dass man in der Lage ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wir studieren nicht nur, um Angestellte, Beamtin oder Bürokratin zu werden – Bildung ist mehr als nur ein Beruf.

Als gebildete Person ist man ein aufgeklärter Mensch, auch jenseits des Berufslebens. Die Schönheit der Bildung macht eine Person erst vollkommen. Und ich denke, einem Menschen mit einer Behinderung hilft sie, sich selbst zu akzeptieren."

Ummul Kher, Indien 2017

Ummul Kher ist eine junge Inderin mit Osteogenesis Imperfecta, die mit extremer Armut in den Slums von Delhi und gegen ihre orthodoxe, sie nicht unterstützende Familie gekämpft hat, um eine Ausbildung zu erhalten. Sie hat die prestigeträchtige Prüfung der Union Public Services Commission (UPSC) in ihrem ersten Versuch mit einer hohen Platzierung geschafft und ist derzeit Mitarbeiterin der indischen Steuerbehörde. Gleichzeitig promoviert sie an der Jawaharlal Nehru University in Delhi.