Frau mit Tuch Kopf und Gesicht, das nur ihre Augen freilässt © Acid – Kavita Shetty – Indien – Silent Tears Projekt

Acid

Die Geschichte von Kavita aus Indien

Achtung, Triggerwarnung: Die folgende Geschichte thematisiert Gewalthandlungen gegen eine Frau.

Er goss Säure direkt auf meinen Kopf und Körper.

Kavita

"Ich denke, es würde keine große Rolle spielen, wenn ich sterben würde. Wie lange kann man sein Leben in Angst leben? Was auch immer geschieht ist Schicksal. Wenn das meiner Schwester oder Tochter passieren würde, würde ich ihnen sagen, sie sollen ihren Mann verlassen. Aber jeder muss sein eigenes Leben leben. Ich schlief mit einer Decke über dem Gesicht und fühlte, wie sie mir weggezogen wurde. Er goss rohe Säure direkt auf meinen Kopf und Körper. Dann zündete er ein Streichholz an, steckte mich in Brand und rannte fort.

Alles, was ich sehen konnte, waren orangefarbene Flammen. Ich rannte nach draußen, brannte und schrie um Hilfe, aber niemand reagierte. Ich rannte zurück ins Badezimmer, schüttete mir Wasser ins Gesicht und rannte dann, um Hilfe zu holen. Er war entsetzt, als er endlich sah, was mit meinem Gesicht geschehen war – mein Haar war ganz verbrannt, die Haut schälte sich von Gesicht und Händen ab. Ich sah weiß aus, weil meine Haut schmolz. Als ich die orangefarbenen Flammen sah, wusste ich, dass es Feuer war. Nachdem ich die Flammen gelöscht hatte, berührte ich meine Haut und sie fühlte sich gespannt an, wie Stein. Ich hatte auf meinen Armen geschlafen und meine Augen bedeckt – das hatte mich vor Blindheit bewahrt

 

Eine Frau mit vernarbtem Gesicht, Hals und Händern steht mit einem Trinkglas in der Hand im Freien. © Silent Tears Projekt
Kavita Shetty

Mein Mann hatte die tödliche Säure gebraut. Die Ärzte sagten, sie sei hochkonzentriert und hochgiftig. An einigen Stellen war ich bis auf die Knochen verbrannt, und es war nur noch wenig Fleisch übrig. Ich sagte meiner Mutter, dass ich nicht leben wollte, weil ich so starke Schmerzen hatte. Ich war in einem sehr schlechten Zustand. Nach drei Monaten Krankenhausaufenthalt und drei Operationen kehrte ich nach Hause zurück und ging fast ein Jahr lang nicht mehr nach draußen. Nur mein Sohn sah mich an, weil er meine Stimme erkannte, und er war so jung, dass er keine Angst vor meinen Verbrennungsnarben hatte.

Nach anderthalb Jahren begann ich unregelmäßig hinauszugehen und trug ein Tuch, um mein Gesicht zu bedecken. Ohne diesen Schal konnte ich nicht nach draußen gehen. Es ist mir nicht mehr unangenehm, ohne ihn nach draußen zu gehen; ich habe mich an mein Aussehen gewöhnt. Es ist jetzt fünf Jahre her, dass das passiert ist. Mein Mann kam ins Gefängnis. Ich lebte mit meinem Sohn allein in meinem Mietshaus. Die Familie meines Mannes hatte einen Anwalt engagiert und versucht, mir Geld zu zahlen, damit ich nicht aussage. Ich weigerte mich zunächst, sein Geld zu nehmen, aber ich brauchte ein Haus und Geld für die Schulkosten meines Kindes.

Die Familie meines Mannes arrangierte kurz darauf eine Unterkunft für mich, unter der Bedingung, dass ich nicht gegen ihn aussagen würde. Sie versprachen, dass sie mir eine Unterkunft geben würden, sobald er entlassen würde. Ich wollte einfach mit meinem Leben weitermachen und ihn und die Situation hinter mir lassen. All das habe ich ihm erzählt, während er im Gefängnis war. Nachdem er freigelassen wurde, hat seine Familie ihren Teil der Abmachung nicht eingehalten. Wegen meiner Finanzen und um für meinen Sohn sorgen zu können, musste ich zustimmen, wieder bei meinem Mann einzuziehen."

Kavita Shetty, Indien 2017