Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.
Frei ohne Bedingungen
Paulus schreibt diesen Satz vor fast zweitausend Jahren an die jungen christlichen Gemeinden in Galatien, einer Region in der heutigen Türkei. Die Menschen dort waren gerade erst zum christlichen Glauben gekommen – und schon traten Stimmen auf, die erklärten: So einfach ist das nicht. Ihr müsst zunächst bestimmte religiöse Vorschriften erfüllen, sonst gehört ihr nicht wirklich dazu. Erst die Leistung, dann die Liebe Gottes.
Paulus widerspricht dem mit leidenschaftlicher Schärfe. Ihr seid frei, schreibt er. Gottes Liebe hängt an keiner Bedingung. Sie war nie ein Tauschgeschäft, bei dem man erst liefern muss, um zu empfangen.
Wenn Liebe nicht verdient werden muss
Oft glauben auch wir, dass Liebe oder Anerkennung an Bedingungen geknüpft sind. Du bist etwas wert, wenn du gibst, funktionierst und dich anpasst. Erst die Leistung, dann die Zuwendung. Bestellt hat dieses Joch niemand, und doch tragen wir es fast alle.
Aber was passiert, wenn wir die geschenkte Freiheit nutzen und unabhängig werden vom "Erst, wenn"? Wer frei ist, muss nicht erst etwas beweisen, um geliebt zu sein. Und wer das glaubt, kann auch anderen offener begegnen. Das hat Paulus auch den Galatern gesagt: Ihr müsst keine Auflagen erfüllen, denn die Liebe Gottes ist euch sicher.
Liebe braucht den Moment
Bleibt die Frage: Wo geschieht diese Liebe? Meiner Meinung nach nicht im Kopf, sondern im Moment. Sorgen, Vergleiche und Ängste passieren oft in Gedanken an dasgestern oder das Morgen. Die Liebe dagegen braucht das Jetzt. Dort liegen auch die kleinen Gelegenheiten, Gutes zu tun: die Tür aufhalten für jemanden, der die Hände voll hat, ein freundliches Wort für die Mutter im Supermarkt, deren Kleinkind einen Trotzanfall hat. Das kostet nichts. Nur einen wachen Augenblick.
Bei der CBM erleben wir das jeden Tag – im Miteinander im Büro ebenso wie in unseren weltweiten Einsätzen für Menschen mit Behinderungen. Wir fragen nicht, was jemand geleistet hat, um Hilfe zu verdienen. Und auch unsere Spenderinnen und Spender geben für Menschen, die sie nie getroffen haben. Weil jeder Mensch Würde verdient. Weil wir alle Menschen sind.
Zur Freiheit befreit sein, heißt für mich, frei vom "Erst, wenn" zu sein. Und wer den Paulustext weiterliest, findet nur wenige Verse später den Kern all dessen:
"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" (Galater 5,14) – vielleicht schon nachher im Supermarkt.
*Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; Quelle für den Monatsspruch: "Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB)", Caroline-Michaelis-Str. 1, 10115 Berlin