Ein Junge und eine Frau sitzen in einem Klassenzimmer an einem Schreibpult. Beide tasten mit den Händen auf einer Blindenschrift-Mathematik-Tafel.

Interview mit CBM-Bildungsexpertin

Wie wird das Recht auf Bildung für Menschen mit Behinderungen endlich Realität? Darüber sprechen wir mit Dr. Maha Khochen-Bagshaw – unserer Beraterin für inklusive Bildung.

Porträt einer Frau mit dunklem, hochgestecktem Haar und einer Halskette mit schwarzen und silbernen Kugeln. Sie trägt ein schwarzes Shirt.
Dr. Maha Khochen-Bagshaw

Seit Sommer 2025 ist Maha Khochen-Bagshaw bei der CBM globale Beraterin für inklusive Bildung. Zuvor war sie für verschiedene Nichtregierungsorganisationen tätig – wie das British Council (Großbritanniens internationale Organisation für Kulturbeziehungen und Bildungschancen), das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), die Organisation der Vereinten Nationen (UN) für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) und Education Cannot Wait, der UN-Organisation für Bildung in Notsituationen und Krisen. In Großbritannien hat sie einen Master im Bereich inklusive Bildung gemacht, in dem sie auch promovierte. Außerdem hat sie fünf Jahre lang als Geschichtslehrerin im Libanon gearbeitet.

Wir sprachen mit Maha über die aktuelle Lage im Bereich der inklusiven Bildung und darüber, was die Arbeit der CBM mit unseren Partnern so wichtig macht.

Was hat Dich ursprünglich zum Bereich der inklusiven Bildung geführt und was begeistert Dich daran bis heute?

Im Libanon arbeitete ich als Lehrerin an einer Schule für Kinder mit Behinderungen und erkannte, dass ein echter Bedarf an Pädagogen bestand, die mit Lernenden mit komplexen und schweren Schwierigkeiten arbeiten. Ich sah, dass manche Kinder keine Fortschritte machten, und wollte mich weiter spezialisieren. Ich zog nach Großbritannien, wo ich meine Qualifikationen erwarb.

Was meine Leidenschaft aufrecht hält? Jeder Beitrag, den ich zur akademischen und sozialen Entwicklung von Menschen mit Behinderungen leisten kann. Es gibt mir wirklich Auftrieb, zu Veränderungen beizutragen, denn ich habe das Gefühl, dass Kinder mit Behinderungen so lange nicht nur vernachlässigt wurden, sondern dass es auch keine Fortschritte gab – oder dass die Fortschritte eher auf individueller Ebene als auf systemischer Ebene stattfanden.

Gruppe von Schülerinnen und Schülern von etwa neun bis vierzehn Jahren in einem Klassenzimmer hinter einem Schreibpult. Am Pult sitzen ein Junge und eine Frau mit Taststock.
Maha zu Besuch in Kamerun: Dort tauschte sie sich aus mit Kindern mit Behinderungen aus, die in der Schule vom CBM-Partner PROMHANDICAM gefördert werden.

Vor welchen Herausforderungen stehen Schulen in unseren Partnerländern auf dem Weg zu mehr Inklusion?

Schulen stehen vor so vielen Herausforderungen. Stigmatisierung ist eines der Hindernisse, von denen sie am häufigsten berichten; dazu kommen die mangelnde Unterstützung und Ressourcen, sei es an Personal, der physischen Umgebung oder Materialien.

Auch die Einstellung der Lehrkräfte kann ein Hindernis darstellen. Manchmal halten Lehrer es für zu schwierig oder gehen davon aus, dass die zwei oder drei Schüler mit Behinderungen in ihrer Klasse eine Minderheit darstellen und sie sich auf die vielen anderen Schüler konzentrieren müssen.

Welche Auswirkungen hat es auf ein Kind, wenn es nicht zur Schule geht?

Der Anteil von Menschen mit Behinderungen, die über schlechte Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten verfügen, ist nach wie vor unakzeptabel hoch. Wenn wir dieses Problem nicht angehen, wird sich die Kluft zwischen gebildeten und ungebildeten Menschen weiter vergrößern, wodurch Kinder mit Behinderungen zu den Ärmsten der Armen gehören werden. Wenn ein Kind keine angemessene Bildung erhält, wirkt sich das auf seine Chance auf, eine Beschäftigung zu bekommen – und seine soziale und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Kinder mit Behinderungen, die nicht zur Schule gehen, können isoliert sein und haben weniger Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu treten. Hinzu kommt die Stigmatisierung, die Eltern erleben. Die Einstellung der Gemeinschaft kann Menschen mit Behinderungen entweder stärken oder schwächen, obwohl es einige Gemeinschaften gibt, die sehr gut informiert sind.

Gruppe von sieben Frauen und Männern, von denen vier einen Taststock in den Händen halten.
Maha mit Lernenden im "Regional Inclusive Education Resource Centre": Es hält wichtige Lernmittel und Unterstützung bereit, um gleichberechtigte Bildung von Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten.

Was können wir tun, um diesem Stigma entgegenzuwirken?

Eine Möglichkeit, Kinder mit Behinderungen und ihre Familien zu stärken, besteht darin, die Gesellschaft für das soziale Modell von Behinderung zu sensibilisieren – insbesondere für externe Barrieren wie die Barrierefreiheit der Umgebung, von Schulen, der Infrastruktur und der Politik.

Wenn Kinder – und Menschen mit Behinderungen im Allgemeinen – verstehen, dass das Problem nicht bei ihnen liegt, sondern in den äußeren Barrieren in Bezug auf Umwelt, Institutionen und Einstellungen, kann sich ihre Perspektive verschieben: Sie sehen Behinderung nicht mehr als etwas, das in ihnen selbst liegt, sondern erkennen die äußeren Barrieren, die sie behindern. Dieser Wandel im Denken und Verstehen kann sehr stärkend sein.

Welche Rolle werden Deiner Meinung nach die CBM und ihre Partner in den nächsten Jahren bei der Gestaltung inklusiver Bildung spielen?

Inklusive Bildung hat für uns Priorität und die Zusammenarbeit mit Partnern wird entscheidend sein, um dieses Engagement voranzubringen. Wir sind uns bewusst, dass die Hindernisse von Land zu Land unterschiedlich sein können, ebenso wie die Möglichkeiten, diese Hindernisse zu überwinden. Wir wissen beispielsweise, dass die Einschulungsquote in allen unseren Partnerländern ein Thema ist.

Es ist sehr wichtig, Beziehungen zu anderen Organisationen aufzubauen und Kooperationsstrategien zu entwickeln, um einen systemischen Ansatz verfolgen zu können, bei dem Lernende nicht nur in das Bildungssystem aufgenommen werden, sondern auch darin verbleiben und Fortschritte erzielen. Inklusion ist komplex und betrifft nicht nur das, was in der Schule geschieht, sondern auch die Beziehungen zwischen Schulen und Gemeinden sowie zwischen Schulen und Lehrkräften.