Lesen dank variabler Linse

Schüler aus Salzatal gewinnt Jugend-forscht-Sonderpreis der CBM

Ein Junge © Dirk Trautmann
Linus Trautmann aus Salzatal (11) gewinnt den CBM-Sonderpreis "Innovationen für Menschen mit Behinderungen" in der Alterskategorie "Schüler experimentieren".

Bensheim/Salzatal, 1. Juni 2021. Wer Schrift im Nahbereich unscharf sieht, hält das Buch immer weiter von sich, um scharf zu sehen. Spätestens, wenn der Arm zu kurz wird, hilft eine Lesebrille. Ständiges Auf- und Absetzen der Sehhilfe wird aber schnell lästig. Linus Trautmann (11) hat das Problem erkannt und viel geforscht: Von Ur-Ur-Großmutters eleganter Jugendstil-Sehhilfe mit seitlichem Haltegriff inspiriert, untersucht Linus die Wirkung von Sammellinsen. Die "Lorgnette" von Linus‘ Ur-Ur-Oma kann stets im richtigen Abstand gehalten werden. Sie ist dadurch eine Sehhilfe mit variabler Stärke. Um diese Dynamik in eine Brille mit Bügeln zu integrieren, befasst sich der Jungforscher mit den physikalischen Grundlagen des Sehens. Sein Ziel: die Entwicklung eines Prototyps der dynamischen Lesebrille.

Dafür erhält der Schüler des Georg-Cantor-Gymnasiums Halle den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) "Innovationen für Menschen mit Behinderungen". Der Preis wird im Rahmen des Landeswettbewerbs Sachsen-Anhalt der Stiftung "Jugend forscht" in der Alterskategorie "Schüler experimentieren" verliehen.

Von der Natur abgeschaut

Fokussieren wir ein nahes Objekt, wölbt sich die Linse. Diese stärkere Wölbung erhöht die Sehschärfe im Nahbereich. Im Alter ist so manches Auge dazu nicht mehr in der Lage. Dann hilft eine Brille. Lesebrillen oder Lupen korrigieren die fehlende Sehschärfe mit gewölbten Sammellinsen. Damit Betroffene die Sehschärfe künftig individuell anpassen können, will Linus zwei Dinge vereinen: die Technik einer Brille und die variabel sich wölbende Linse. Der Elfjährige experimentiert mit einem Druck- und Zugsystem aus Schraubzwinge und Luftballon-Linse. Er erprobt, den Ballon mit Luft zu befüllen und testet eine hydraulische Version. Die Stärke der Kunststofflinse verändert sich hier, wenn die Linse durch eine Spritze mit Flüssigkeit befüllt wird. Seine finale Idee: Wer den angedachten Prototyp trägt, kann an einem Rädchen am Brillenrahmen drehen. Damit öffnet sich das Reservoir für Luft oder Wasser, das im Brillenbügel liegt. Die Linse verformt sich und die Brechkraft der Linse verändert sich. So kann die Sehstärke situationsbedingt angepasst werden.

CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus: "In seiner Arbeit lenkt Linus Trautmann das Augenmerk auf Altersweitsichtigkeit. Mit nur elf Jahren beweist er damit echte Weitsicht: Dieses Problem wird durch die alternde Menschheit immer größer. Weltweit leben schon heute mindestens 510 Millionen Menschen, die nicht gut nah sehen können, schlichtweg weil ihnen eine Lesebrille fehlt. Besonders hoch sind die Fallzahlen in den ärmsten Regionen der Welt." Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der CBM sind dort im Einsatz, um Sehbehinderungen zu verhindern oder zu behandeln. Ihre Erfahrungen schildert Brockhaus: "Die Menschen leiden, weil sie sich eine Sehhilfe nicht leisten können oder der nächste Optiker oder Facharzt eine Tagesreise entfernt ist. Daher freuen wir uns über praktische Studien zu diesem Thema und gratulieren Linus zu seinem Preis."

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von den eine Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser wird pandemiebedingt online verliehen und ist mit 300 Euro dotiert.

Mehr als 110 Jahre Entwicklungshilfe

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den größten und ältesten Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland. Sie fördert seit mehr als 110 Jahren Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern. Die Aufgabe der CBM ist es, das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, Behinderungen zu vermeiden und gesellschaftliche Barrieren abzubauen. Die CBM unterstützt zurzeit 540 Projekte in 51 Ländern.