Drei Mädchen schauen lächelnd in die Kamera. Eine der drei hat ein Gerät um den Bauch gespannt © Barbara Endres

Vibrierende Nähe

Drei Schülerinnen aus Oberursel gewinnen Jugend-forscht-Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission

Collage: Links zweimal ein Gerät, rechts lächelt ein Mädchen in die Kamera. Sie hat das Gerät um den Bauch gespannt © Barbara Endres

Bensheim/Oberursel. Auf dem Pausenhof fällt es oft schwer, Abstand zu halten – trotz Pandemie. Das beobachten Emilie Borrmann (14), Katharina Endres (15), Jana Schlotmann (14) mit Sorge. Um die Hygiene-Abstand-Regel leichter einhalten zu können und damit das Ansteckungsrisiko zu verringern, entwickeln die Schülerinnen den "Distance-Controller". Für ihre Erfindung erhalten die drei Jungforscherinnen des Gymnasiums Oberursel den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) "Innovationen für Menschen mit Behinderungen". Der Preis wird im Rahmen des Landeswettbewerbs Hessen der Stiftung "Jugend forscht" in der Alterskategorie "Schüler experimentieren" verliehen.

Das blaue Kästchen ist nicht größer als seinerzeit ein „Walkman“ und mit Gurten am Oberkörper zu tragen. Mit Ultraschall-Sensoren misst es die Entfernung zwischen zwei Personen und gibt ein Warnsignal ab, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern unterschritten wird. Die Schülerinnen testen das Gerät auf verschiedene Jackenstoffen und in unterschiedlichen Bewegungssituationen, lassen es ganze Schulklassen auf dem Pausenhof erproben und in einem Fragebogen bewerten.

Neue Version – mehr Nutzen

Den Erfinderinnen fällt auf, dass das Gerät auch Menschen mit Sehbehinderungen helfen kann – und zwar nicht nur im Hinblick auf die Abstandregeln, sondern ganz grundlegend. Es kann sie vor Hindernissen warnen. Für die neue Version programmieren sie das Kontrollmodul auf 2,5 Meter Sicherheitsabstand und ersetzen das akustische und optische Warnsignal durch einen Mikro-Vibrationsmotor. Der ist mit einem Magneten am Kragen zu befestigen und warnt mit diskretem Vibrationsalarm, anstatt nervig zu blinken oder piepen. Sie haben den Controller einem blinden Menschen gegeben, um das Gerät zu testen und die Testperson war begeistert. So könnte sich auch die Popularität auf dem Pausenhof verbessern. Denn rund 40 Prozent der Testenden fühlte sich durch das Gerät eingeschränkt auch wegen der Geräusche, die es abgibt. Nebeneinander erlaubt der Abstandsmesser aber Nähe, denn der Messbereich ist bisher auf das 30 Grad schmale "Sichtfeld" direkt vor dem Messfühler begrenzt.

"In Krisenzeiten brauchen wir besonnene und pragmatische Lösungen. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeit von Emilie, Jana und Katharina kann nicht nur zum Gesundheitsschutz beitragen, sondern auch den Alltag von Menschen mit Sehproblemen erleichtern", lobt CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus. Selbstständigkeit für Menschen mit Behinderung ist eines der wichtigsten Ziele in der CBM-Projektarbeit. "Gerade in Ländern mit schwachen Gesundheits- und Sozialsystemen ist es wichtig, eigenständig mobil zu sein und den Lebensunterhalt verdienen zu können", erklärt Brockhaus. Weil der Distance-Controller (2.0) günstig und einfach herzustellen ist, schlagen die Erfinderinnen Schulprojektwochen vor, in denen alle Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Gerät bauen können. Auch das könnte seine Akzeptanz steigern.

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von den eine Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser wird pandemiebedingt online vergeben und ist mit 300 Euro dotiert.

Über die CBM

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den international führenden Organisationen für inklusive Entwicklungszusammenarbeit. Sie unterstützt Menschen mit Behinderungen in den ärmsten Ländern der Welt – und das seit mehr als 110 Jahren. Gemeinsam mit ihren lokalen Partnern sorgt sie dafür, dass sich das Leben von Menschen mit Behinderungen grundlegend und dauerhaft verbessert. Sie leistet medizinische Hilfe und setzt sich für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe ein. Ziel ist eine inklusive Welt, in der Menschen mit und ohne Behinderungen ihre Fähigkeiten einbringen können und niemand zurückgelassen wird. Im vergangenen Jahr förderte die CBM 460 Projekte in 48 Ländern.