Drei junge Frauen stehen nebeneinander, die mittlere hält ein Ohr-Modell. © Jürgen Scheere

Tinte, die das Leben schreibt

Schülerinnen aus Erfurt gewinnen Jugend-forscht-Sonderpreis der CBM

Bensheim/Erfurt, 27. Juli 2021. Eine Ohrmuschel aus dem Drucker – einmal aus Kunststoff, dann sogar mit lebendigen Zellen. Das haben Donata Henkel (18), Celina Stitz (18) und Theresa Weber (17) mithilfe einer Handy-App und des 3D-Druck-Verfahrens geschaffen. Zwar steckt die Forschung zu personalisiertem Gewebe oder Organen aus dem Drucker noch in den Kinderschuhen. Doch gibt sie unzähligen Menschen, die auf eine Organ- oder Gewebespende warten, Anlass zur Hoffnung. Für ihre Leistung erhalten die Schülerinnen des Spezialschulteils am Albert-Schweitzer-Gymnasium Erfurt den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) "Innovationen für Menschen mit Behinderungen". Der Preis wird im Rahmen des Landeswettbewerbs Thüringen der Stiftung "Jugend forscht" verliehen.

Zunächst haben die Jungforscherinnen verschiedene Smartphone-Anwendungen getestet, um ein echtes Ohr zu scannen und ein dreidimensionales Bild einer Ohrmuschel zu erstellen. Von diesem Bild erzeugten sie am 3D-Drucker ein naturnahes Abbild aus Kunststoff. Das Ohr aus Kunststoff wollten sie vergleichen mit einem Pendant aus menschlichen Zellen. Um dieses herzustellen, wendeten sie sich an die Technische Universität Dresden und waren erfolgreich: Sie durften den "Bioprinter" nutzen, der Strukturen oder Gewebe aus zuvor gezüchteten, einzelnen Zellen herstellen kann. Dieser funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie ein gewöhnlicher 3D-Drucker. Eine bewegliche Düse gibt die "Bio-Tinte" in gitterförmig geschichteten Strängen ab und baut so, Schicht für Schicht, das Gewebe in Ohrform auf. Dahinter steht ein zeit- und kostenintensiver Prozess. Die jungen Frauen vermehrten Stammzellen und vermischten diese mit einer Paste aus Braunalgen und Kleister. Diese verleiht der Prothese in spe Stabilität und kann später im Körper abgebaut werden.

Komplexes Thema mit viel Potential

Bislang kann ihr Stammzellenohr ästhetisch mit dem Kunststoffduplikat nicht mithalten. Der Vorteil von Prothesen auf Basis personalisierter Zellen gegenüber künstlichen oder Spenderorganen ist jedoch, dass diese vom Körper nicht abgestoßen werden und sogar mitwachsen. CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus lobt: "Das junge Forscherinnen-Team arbeitet mit großem Eifer an einer sehr vielversprechenden Technologie. Dass sie sich in eine so komplexe Materie wie den Biodruck einarbeiten und einen Beitrag zur Forschung erbringen, ist eine großartige Leistung." Das eröffnet vielen, die ein Spenderorgan benötigen, ganz neue Möglichkeiten. Menschen in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen sind davon leider noch weit entfernt. Denn nur ein Bruchteil der Menschen mit Behinderung dort hat überhaupt Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung. "Daher geben wir in den CBM-Projekten in Entwicklungsländern alles, um Menschen in Not zu helfen. Auch auf politischer Ebene setzen wir uns dafür ein, dass alle Menschen medizinisch gut versorgt werden", erklärt Brockhaus.

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von den eine Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser wird pandemiebedingt online verliehen und ist mit 300 Euro dotiert.

Über die CBM

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den international führenden Organisationen für inklusive Entwicklungszusammenarbeit. Sie unterstützt Menschen mit Behinderungen in den ärmsten Ländern der Welt – und das seit mehr als 110 Jahren. Gemeinsam mit ihren lokalen Partnern sorgt sie dafür, dass sich das Leben von Menschen mit Behinderungen grundlegend und dauerhaft verbessert. Sie leistet medizinische Hilfe und setzt sich für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe ein. Ziel ist eine inklusive Welt, in der Menschen mit und ohne Behinderungen ihre Fähigkeiten einbringen können und niemand zurückgelassen wird. Im vergangenen Jahr förderte die CBM 460 Projekte in 48 Ländern.