Ein junges Mädchen steht vor einer Pinnwand und hält in ihrer rechten Hand ein Korsett und in der linken Hand eine Materialprobe. © Jens Spira

Cool bleiben mit wärmeleitfähigem Korsett

Schülerin aus Bad Sobernheim gewinnt Jugend-forscht-Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission

Bensheim / Bad Sobernheim, 18. Mai 2022. Heiße Tage sind schlimm für Anika Spira. Die 18-Jährige trägt zur Korrektur einer Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) ein Kunststoff-Korsett. Darunter staut sich die Hitze und schmerzhafte Druckstellen entstehen. Die Lösung sucht Anika Spira in einem Material, das Wärme ableitet. Sie erfindet ein wärmeleitfähiges Skoliose-Korsett. Dafür erhält die Schülerin des Emanuel-Felke-Gymnasiums in Bad Sobernheim den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) "Innovationen für Menschen mit Behinderungen". Der Preis wird im Rahmen des Landeswettbewerbs Rheinland-Pfalz der Stiftung Jugend forscht verliehen.

Besonders im Sommer wird es für Menschen in einem herkömmlichen Skoliose-Korsett oft so unerträglich heiß, dass sie die Tragezeiten von bis zu 23 Stunden am Tag nicht einhalten können. Das gefährdet den Therapieerfolg. Damit will sich die Gymnasiastin nicht abfinden. Im Zuge eines Praktikums in der Orthopädietechnik findet sie heraus, dass der Kunststoff, aus dem ihr Korsett besteht, die Wärme nicht ausreichend leitet.

Mensch als wärmetechnisches System

Wie viel Wärme muss das Material ableiten, um auch bei höheren Temperaturen ausreichend Tragekomfort zu bieten? Die Schülerin betrachtet den Menschen als wärmetechnisches System und untersucht die Eigenschaften verschiedener Stoffe. Dabei stößt sie auf Bornitrid.

Bornitrid ist im Gegensatz zu dem Kunststoff, der für die Korsettherstellung genutzt wird, ein extrem wärmeleitender Werkstoff. Er verleiht dem Kunststoff die gewünschte Eigenschaft, die Wärme nicht zu stauen, sondern abzuleiten. Bornitrid ist aber auch sehr hart. In Zusammenarbeit mit industriellen Herstellern untersucht die Jungforscherin unterschiedliche Zusammenstellungen von Kunststoff und Bornitrid. Ihr Ziel: Formbarkeit, Wärmeleitung und Wirtschaftlichkeit zu vereinen. Die verschiedenen Platten testet sie in einer eigens entwickelten Wärmekammer. Aus dem passenden Material lässt sie schließlich den Prototypen eines Skoliose-Korsetts herstellen, das auch in den Sommermonaten gut tragbar ist.

CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus: "Anikas Erfindung trägt dazu bei, die Lebensqualität von vielen Menschen zu verbessern, die ein Skoliosekorsett tragen. Dass eine Schülerin ein Problem als Herausforderung nimmt und eine praktikable Lösung findet, ist eine großartige Leistung", lobt Brockhaus. "Orthopädische Hilfsmittel können nicht nur Schmerzen und schwere Operationen vermeiden, oft sind sie auch Voraussetzung für eigenständige Mobilität und Teilhabe am wirtschaftlichen Leben. In CBM-Projekten in Ländern mit mangelnder medizinischer und sozialer Infrastruktur sehen wir täglich, wie viel Erleichterung Orthesen und Prothesen im Alltag bringen. Weil gerade in den ärmsten Ländern oft große Hitze herrscht, hat das wärmeleitfähige und bezahlbare Material großes Potenzial, weltweit vielen Menschen mit körperlichen Behinderungen noch besser helfen zu können."

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von den eine Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser ist mit 300 Euro dotiert.

Über die CBM

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den international führenden Organisationen für inklusive Entwicklungszusammenarbeit. Sie unterstützt Menschen mit Behinderungen in den ärmsten Ländern der Welt – und das seit mehr als 110 Jahren. Gemeinsam mit ihren lokalen Partnern sorgt sie dafür, dass sich das Leben von Menschen mit Behinderungen grundlegend und dauerhaft verbessert. Sie leistet medizinische Hilfe und setzt sich für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe ein. Ziel ist eine inklusive Welt, in der Menschen mit und ohne Behinderungen ihre Fähigkeiten einbringen können und niemand zurückgelassen wird. Im vergangenen Jahr förderte die CBM 460 Projekte in 48 Ländern.