So klappt Inklusion

Schüler aus Sankt Augustin gewinnen Jugend-forscht-Sonderpreis der CBM

Eine kleinwüchsige Frau steht auf einer Leiter mit Box vor einem Regal mit Lebensmitteln. © Felix Möller
Sandra Wiese gilt mit unter 1,30 Meter als kleinwüchsig. Sie hat den Einkaufswagen mit integrierter Klappleiter getestet und ist begeistert.

Bensheim/Sankt Augustin, 21. Juli 2021. Waghalsige Kletteraktion oder doch lieber um Hilfe bitten? Viele Menschen mit unterdurchschnittlicher Körpergröße kennen das Dilemma vor dem Supermarktregal. Das lösen Felix Möller (15), Jonas Mauelshagen (15) und Benjamin Scholer (15) mit einer Einkaufshilfe für kleinwüchsige und kleine Frauen und Männer. Für die Kombination aus Trittleiter und Warenkorb erhalten die Schüler des Rhein-Sieg-Gymnasiums Sankt Augustin den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) "Innovationen für Menschen mit Behinderungen". Der Preis wird im Rahmen des Landeswettbewerbs Nordrhein-Westfalen der Stiftung „Jugend forscht“ verliehen.

Auch Sandra und Mike Wiese sind begeistert von der Erfindung. Beide Eheleute gelten mit unter 1,30 Meter als kleinwüchsig. Sie haben den Einkaufswagen mit integrierter Klappleiter für kleinwüchsige Menschen getestet. Die Einkaufshilfe weckt aber auch Begehrlichkeiten bei vielen anderen Personen, die kleiner sind als die durchschnittlichen 1,70 Meter. Wer zu dieser Gruppe zählt, ist wahrscheinlich auch schon auf die unterste Regalreihe gestiegen, um an ein Produkt in der sogenannten "Reckzone" zu kommen. Deshalb beschließt das Jungforscherteam, die Einkaufshilfe so zu überarbeiten, dass sie allen Menschen hilft, die kleiner als 1,60 Meter sind. Das Ehepaar Wiese ist immer noch zufrieden, selbst wenn der Stufenabstand nun etwas größer ist als bei dem ersten Prototyp, der inzwischen übrigens ihnen gehört.

Lohnendes Investment

Auch Supermärkte zeigen Interesse an der Erfindung. Denn niedrigere Regale sind für Supermärkte keine wirtschaftliche Option. Weil die Einkaufshilfe aus Aluminium aber gestohlen werden kann, sind sie zögerlich. Die Tüftler finden auch hierfür eine Lösung: Die Einkaufshilfe wird zweiteilig. Der Supermarkt stellt am Eingang die rollenden Klappleitern zur Verfügung und wer möchte, bringt den passenden Warenkorb auf Rädern zum Einhängen mit. Die Leiter bleibt im Laden, der Einkaufskorb rollt heimwärts. Rund 100 Euro kosten die beiden Teile, unbezahlbar ist die Selbstständigkeit, die kleinwüchsige Menschen dadurch gewinnen.

CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus gratuliert den drei Jugendlichen: "Auch wir als CBM sind begeistert von der Einkaufshilfe." Er erklärt: "Benjamin, Felix und Jonas zeigen damit, dass unser Ziel der Inklusion Stufe um Stufe erreichbar ist." Von ihrer Arbeit für Menschen mit Behinderung in den ärmsten Ländern der Welt weiß die CBM, dass pragmatische und bezahlbare Lösungen für diese Gruppe auch zur Gesamtentwicklung einer Gesellschaft beitragen. "Denn, wenn jede und jeder am wirtschaftlichen und sozialen Leben teilhaben kann, profitieren alle davon", so Brockhaus.

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von den eine Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser wird pandemiebedingt online verliehen und ist mit 300 Euro dotiert.

Über die CBM

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den international führenden Organisationen für inklusive Entwicklungszusammenarbeit. Sie unterstützt Menschen mit Behinderungen in den ärmsten Ländern der Welt – und das seit mehr als 110 Jahren. Gemeinsam mit ihren lokalen Partnern sorgt sie dafür, dass sich das Leben von Menschen mit Behinderungen grundlegend und dauerhaft verbessert. Sie leistet medizinische Hilfe und setzt sich für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe ein. Ziel ist eine inklusive Welt, in der Menschen mit und ohne Behinderungen ihre Fähigkeiten einbringen können und niemand zurückgelassen wird. Im vergangenen Jahr förderte die CBM 460 Projekte in 48 Ländern.