Texten mit Fingerspitzengefühl

Schülerin aus Oldenburg gewinnt Jugend-forscht-Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission

Eine junge Frau sitzt an einem Tisch. Sie trägt weiße Handschuhe, die über Kabel mit einem Laptop verbunden sind- © Lüllmann
Emma Schiller (18) hat WINGS (Wireless Input GloveS) entwickelt, zwei Handschuhe als taktiles Eingabegerät. Dafür erhält sie beim Landeswettbewerb Niedersachsen der Stiftung "Jugend forscht" den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission.

Bensheim/Oldenburg, 11. Mai 2021. Schnell noch eine Sprachnachricht und dann dem Computer die E-Mail diktieren. Spracheingabe macht das Leben in vielen Bereichen einfacher – auch für Menschen mit eingeschränkter Sehkraft oder Blindheit. Schwierig wird es für sie aber zum Beispiel im Zug, wenn nicht jeder alles mitbekommen soll. Und hier kommt die Erfindung von Emma Schiller (18) ins Spiel: WINGS (Wireless Input GloveS) zwei Handschuhe als taktiles Eingabegerät. Für die WINGS erhält die Schülerin des Bildungszentrums für Gestaltung und Technik in Oldenburg beim Landeswettbewerb Niedersachsen der Stiftung "Jugend forscht" den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM), "Innovationen für Menschen mit Behinderungen".

Nahezu unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten

Wer die Handschuhe trägt, kann durch Berührung der Fingerkuppen mit den Daumen ein integriertes Kontroll-Modul ansteuern, das die Information kabellos an PC oder Handy sendet. Je nach Programmierung sind die Anwendungsmöglichkeiten nahezu unbegrenzt. Die 18-jährige Emma hat ihren WINGS die Braille-Schrift beigebracht. Die basiert auf Punkten, angelegt wie die Sechs eines Würfels. Buchstaben und Zahlen werden durch bestimmte Kombinationen dieser sechs Punkte dargestellt. Die Jungforscherin hat jedem der sechs Punkt einen Finger zugeordnet: Sie benutzt dazu die beiden Zeige-, Mittel- und die Ringfinger. Die Handschuhe erkennen durch Berührung die entsprechenden Braillebuchstaben, übersetzen sie Schwarzschrift. Per Bluetooth werden so die Buchstaben ans Handy geschickt. Der Clou: Wer die Punktschrift beherrscht, kann mit den WINGS so diskret texten, dass es selbst für Menschen ohne Sehprobleme interessant wird. Zudem kann Emmas Erfindung einen Beitrag zum Erhalt der Braille-Schrift leisten, die immer seltener gelernt und verwendet wird.

Auch CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus ist überzeugt: "Das Projekt von Emma Schiller hat großes Potential, den Alltag von Menschen mit Sehproblemen zu erleichtern. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in Entwicklungsländern im Einsatz, um Menschen mit Behinderungen ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. Vor Ort sind vor allem kostengünstige Hilfsmittel gefragt, und darauf hat Emma Schiller bei der Entwicklung der WINGS besonderen Wert gelegt", lobt Brockhaus. "Die CBM gehört weltweit zu den Wegbereitern einer inklusiven Gesellschaft. Dazu zählt auch, dass niemand aus gesundheitlichen Gründen bei Technik und Kommunikation den Anschluss verliert. Hierzu können die WINGS einen wertvollen Beitrag leisten."

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von einer Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser wird, pandemiebedingt, online verliehen und ist mit 300 Euro dotiert.

Mehr als 110 Jahre Entwicklungshilfe

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den größten und ältesten Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland. Sie fördert seit mehr als 110 Jahren Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern. Die Aufgabe der CBM ist es, das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, Behinderungen zu vermeiden und gesellschaftliche Barrieren abzubauen. Die CBM unterstützt zurzeit 540 Projekte in 51 Ländern.