Kommunizieren mit Gedankenkraft

Schüler aus Hamburg gewinnt Jugend-forscht-Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission

Junge mit Brille und einer Art Kopfhörer mit Stirnverbindung steht neben einem Laptop und hält ein kleines handygroßes Gerät in der Hand © Bettina Kaut

Bensheim/Hamburg. Das Beispiel des Astrophysikers Stephen Hawking zeigt, dass große körperliche Einschränkungen kein Hindernis sind, viel zu erreichen und zu kommunizieren. Mit einem völlig gelähmten Körper ist Kommunikation bisher trotzdem fast ausgeschlossen. Damit Menschen mit dem sogenannten Locked-in-Syndrom dennoch mit der Welt kommunizieren können, entwickelt Bela Kaut (16) ein System mit Head-Set und Stirnelektrode, das die Hirnströme erfasst. Über die Hirnströme kann der Träger zum Beispiel eine Tastatur mit Sprachausgabe ansteuern. So etwas gibt es zwar schon, doch das System des Jungforschers ist für rund 55 Euro kostengünstig umsetzbar. Dafür erhält der 16-Jährige des Schülerforschungszentrums Hamburg den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) "Innovationen für Menschen mit Behinderungen". Der Preis wird im Rahmen des Landeswettbewerbs Hamburg der Stiftung "Jugend forscht" verliehen.

Bis zu dem Ziel, Locked-in-Patienten den Alltag mithilfe seines Systems zu erleichtern, ist es noch ein langer Weg. Doch selbst wenn die Technik aus einem Spielzeug-Headset mit Stirnelektrode, Mikrocontroller, EEG-Chip und Bluetooth-Übertragung noch langsam und störungsanfällig ist, die Mensch-Maschine-Kommunikation hat großes Potenzial. Das System reagiert auf konzentrierte oder entspannte Bewusstseinszustände. Konzentration löst den Tastendruck auf der virtuellen Tastatur aus oder bewegt die am Bildschirm simulierte Maus nach rechts oder oben. Damit der Cursor im Sichtfeld bleibt, auch bei Personen, die weder Kopf noch Augen bewegen können, ist er mittig als Fadenkreuz verankert. Darunter lässt sich ein verkleinertes Bildschirmfenster verschieben, bis der Tastendruck an der richtigen Stelle ausgelöst werden kann.

Tüfteln, testen, verbessern

Auf der virtuellen Tastatur bis zum einzelnen Buchstaben zu navigieren, ist zwar noch etwas langwierig, aber das Texten per Hirnenergie ist möglich, sogar mit Sprachausgabe. Bela will seinen "Controller der Zukunft" schneller, genauer und zuverlässiger machen. Dafür feilt er am Algorithmus für die Reaktionsgeschwindigkeit, führt Tests mit Probanden durch, ergänzt die Programmierung und arbeitet an einer Bedienungsoberfläche.

CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus: "Belas Erfindung beeindruckt uns nicht nur in technischer Hinsicht, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie Menschen, die sonst ohne Kommunikation leben müssen, wirklich helfen kann. Daher hat der Jungforscher den Preis mehr als verdient", lobt Brockhaus. "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den CBM-Projekten unterstützen weltweit viele Menschen mit Behinderungen dabei, sich im Alltag besser verständigen zu können und damit selbstbestimmter zu leben. Belas Entwicklung ist sehr spannend, besonders weil sie kostengünstig ist, denn nur so kann Gleichberechtigung und Inklusion auch in den ärmsten Regionen der Welt gelingen."

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von den eine Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser wird pandemiebedingt online verliehen und ist mit 300 Euro dotiert.

Über die CBM

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den international führenden Organisationen für inklusive Entwicklungszusammenarbeit. Sie unterstützt Menschen mit Behinderungen in den ärmsten Ländern der Welt – und das seit mehr als 110 Jahren. Gemeinsam mit ihren lokalen Partnern sorgt sie dafür, dass sich das Leben von Menschen mit Behinderungen grundlegend und dauerhaft verbessert. Sie leistet medizinische Hilfe und setzt sich für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe ein. Ziel ist eine inklusive Welt, in der Menschen mit und ohne Behinderungen ihre Fähigkeiten einbringen können und niemand zurückgelassen wird. Im vergangenen Jahr förderte die CBM 460 Projekte in 48 Ländern.