Mit den Augen schreiben

Schüler aus Berlin gewinnen Jugend-forscht-Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission

Zwei Jungen haben jeweils einen Lötkolben in der Hand und arbeiten an einer Platine. © Dr. Sergej Stoetzer
(v.l.) Lucca Fechner (16) und Elias Stoetzer (14) aus Berlin entwickelten verschiedene Eingabehilfen für Menschen mit Körperbehinderung. Dafür erhalten sie den CBM-Sonderpreis Jugend forscht Hessen.

Bensheim/Berlin, 12. Juni 2019. Wie tippen Menschen eine E-Mail, die in ihren Bewegungen eingeschränkt sind? Das haben sich Elias Stoetzer (14) und Lucca Fechner (16) aus Berlin gefragt und fanden nur kostenintensive Antworten. Deshalb tüftelten sie kurzerhand selbst an einer Eingabehilfe für Menschen mit Körperbehinderung. Beim Schülerforschungsnetzwerk Pankow entwickelten und bauten die beiden Jugendlichen gleich mehrere Lösungen. Dafür erhalten die Schüler des Primo-Levi-Gymnasiums den Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) „Innovationen für Menschen mit Behinderungen“. Der Preis wurde im Rahmen des Landeswettbewerbs Berlin der Stiftung „Jugend forscht“ verliehen.

Joystick und Augensteuerung machen Tastatur überflüssig

Tippen auf einer Tastatur erfordert Feinmotorik, die Menschen mit einigen Krankheiten oder Behinderungen nicht mehr haben oder noch nie hatten. Gleichzeitig sind Computer nicht mehr wegzudenken aus unserem Leben. Dank Elias‘ und Luccas Erfindungen können Betroffene auf vier verschiedene Systeme zurückgreifen, um uneingeschränkt tippen zu können: Zum einen haben sie einen robusten Joystick entwickelt, mit dem die Nutzer die jeweiligen Buchstaben ansteuern und auswählen. Gleiches ist möglich mit einer Konstruktion aus vier großen Tasten. Die beiden Schüler haben auch daran gedacht, dass manche Menschen ihre Gliedmaßen gar nicht bewegen können. Dafür haben sie zwei Möglichkeiten entwickelt, die sich über das Auge steuern lassen. Die erste basiert auf dem gleichen Prinzip wie der Joystick und die Tastenkonstruktion, die zweite funktioniert mit Blinzeln.

Da es ziemlich lange dauert, sich durch das Alphabet von A bis Z zu klicken oder zu blinzeln, haben die beiden sich der Heuristik angenommen, der Wahrscheinlichkeit und Vorhersage von Buchstaben. Damit optimiert braucht man mit ihrer Software nur 23 statt 92 Schritte, um die Worte Jugend forscht zu schreiben.

„Elias und Lucca haben an viele Möglichkeiten gedacht, diese umgesetzt und optimiert. Für uns ist natürlich großartig, dass sie dabei an Menschen gedacht haben, die zum Beispiel in Entwicklungsländern leben und sich teure Hilfsmittel nicht leisten können“, sagt CBM-Vorstand Dr. Rainer Brockhaus. „Gleichzeitig hat die Erfindung der beiden Schüler das Potenzial, den Kreislauf aus Armut und Behinderung zu durchbrechen: Menschen mit Behinderungen können durch die Eingabehilfen der beiden arbeiten, Geld verdienen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Das entspricht genau unserem Ansatz bei der Arbeit für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern.“

Landessieger haben Chance auf CBM-Bundespreis

Der CBM-Sonderpreis zeichnet jedes Jahr kreative Studien und Erfindungen aus, die bei Jugend forscht eingereicht werden. Als Organisation für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern legt die CBM Wert darauf, dass die Arbeiten gerade ihnen den Alltag erleichtern können. Denn von den eine Milliarde Menschen mit Behinderungen leben 80 Prozent in den ärmsten Regionen der Welt. Prämiert werden außerdem Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Krankheit und Behinderung befassen oder einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Alle ausgezeichneten Landessieger haben die Chance, den von der CBM ausgeschriebenen Bundessonderpreis zu erhalten. Dieser wird im Oktober bei den Science Days in Rust vergeben und ist mit 300 Euro dotiert.

Mehr als 110 Jahre Entwicklungshilfe

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den größten und ältesten Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland. Sie fördert seit mehr als 110 Jahren Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern. Die Aufgabe der CBM ist es, das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, Behinderungen zu vermeiden und gesellschaftliche Barrieren abzubauen. Die CBM unterstützt zurzeit 530 Projekte in 54 Ländern.