Weltwärtsreisende Wiebke Lunow berichtet aus Uganda

Improvisationstalent gefragt!

Eine junge Frau therapiert den Unterarm eines Jungen, der vor ihr sitzt
Wiebke Lunow mit einem ihrer kleinen Patienten.
© CBM/Lunow

4 lachende Kinder, zwei davon mit Krücken
© CBM/Lunow
Kind im Rollstuhl und Kind mit Krücken, beide mit strahlenden Gesichtern
© CBM/Lunow

In Katalemwa Cheshire Home finden viele Formen der Therapie statt. Im Durchschnitt kommen 30-40 Patienten täglich, um behandelt zu werden. Die Kinder werden je nach Bedürfnis von Ergotherapeuten, Physiotherapeuten oder vom Sprachtherapeut angeschaut. Bei Bedarf werden die Eltern zu einem der Sozialarbeiter geschickt. Einige Kinder werden stationär aufgenommen, andere kommen ein- bis zweimal in der Woche zur Therapie.

Kooperation von Physio- und Ergotherapeuten
Mein Arbeitsalltag hat sich vor ein paar Monaten verändert. Zu Beginn meiner Zeit im KCH (Katalemwa Cheshire Home) habe ich viel mit den Physiotherapeuten zusammengearbeitet und zugeschaut. Mittlerweile arbeite ich mehr mit den Ergotherapeuten zusammen. Hier werden vor allem Kinder mit infantiler Cerebralparese behandelt. Bei der Krankheit kommt es, z.B. auf Grund von Sauerstoffmangel bei der Geburt, zu Hirnschäden, die dann wiederum zu Bewegungsstörungen führen können. Die Kinder haben also Schwierigkeiten in der motorischen und auch geistigen Entwicklung. Solche Kinder bleiben in der Regel über einen längeren Zeitraum und man kann mit einer intensiven Therapie beginnen. Ich behandle zurzeit fast ausschließlich solche Kinder. Dabei versuche ich, zusammen mit den Ergotherapeuten, die beste Therapie für das jeweilige Kind zu finden.

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mprovisationstalent gefragt
Meine Kollegen sind sehr offen für neue Behandlungsansätze oder Ideen. Es ist faszinierend, was die Therapeuten und Orthopädiemechaniker für Ideen haben, um die Behandlungen für Kinder zu verbessern. Manche Dinge werden so einfach gelöst, dass ich mich frage, warum bei uns Vieles so kompliziert ist. Ein einfaches, aber - wie ich finde - geniales Beispiel ist ein Gehgips. Wenn die Kinder mit ihrem Gips anfangen sollen zu laufen, werden einfach alte Auto oder Motorradreifen zerschnitten und mit einem Schnürsenkel am Gips befestigt. Das System ist billig und effektiv. Natürlich entwickelt man nach einiger Zeit auch selber Ideen, wie man Dinge verbessern kann.
Nachdem ich gemerkt habe, dass meine Kollegen auch gerne Ideen von mir aufnehmen und offene Ohren für Neues haben, habe ich mal hier und da versucht, etwas einzubringen. Zurzeit versuchen ich und mein Kollege Victor aus dem Workshop Einlegesohlen (Insoles)  zu verbessern und besser individuell anzupassen. Das macht mir wirklich Spaß, vor allem, weil wir wirklich zusammenarbeiten, und ich nicht die Weiße bin, die sagt, was gemacht werden soll.

Vom Umgang mit Schmerz
Die Vorstellungen über einige Dinge gehen teilweise weit auseinander. Etwas, was mich immer wieder beschäftigt, ist das Thema Schmerz. Mit Schmerzen wird hier ganz anders umgegangen als bei uns. Schmerz gehört zum Leben dazu, den muss man aushalten. Manchmal muss ich schon schlucken, wenn ich sehe, wie ein Kind Schmerzen ertragen muss. Ich denke dann oft, dass man Dehnungsübungen doch auch sanfter machen kann und die Behandlung dafür ein bisschen länger dauert. Allerdings muss man dazusagen, dass auch der Therapeut manchmal keine Wahl hat.
Die Eltern kommen mit ihren Kindern aus dem Norden Ugandas oder anderen Orten, die weit entfernt sind, und es ist nicht möglich, mal eben jede Woche zu kommen. Wenn zum Beispiel Kontrakturen (Gelenksteife) in Knien vorhanden sind, werden die Beine des Kindes so weit es geht gestreckt und eingegipst. Nach ein paar Wochen können die Kinder wiederkommen und die Gipse werden entfernt. Das Strecken der Beine ist sehr schmerzhaft. Nun kann man sich fragen, was das Richtige ist. Eine etwas schmerzfreiere Therapie, wobei man dann öfter kommen muss, um den Gips zu wechseln, oder extreme Schmerzen in den ersten Tagen - und dafür müssen die Eltern nur einmal von weit weg anreisen.  Den Transport zu bezahlen, ist für viel Eltern teuer, und in der Zeit können sie sich nicht um ihre anderen Kinder kümmern.

Das Leben hier ist so anders ...
An solchen Beispielen kann man gut sehen, dass das Leben hier ganz anders ist und manche Dinge schwer zu verstehen oder nachzuvollziehen sind. Das Leben in Deutschland ist in vielerlei Hinsicht oft so viel einfacher. Fahrtkosten, Krankenhausaufenthalte, Hilfsmittel. All diese Dinge gibt es bei uns für jedes Kind kostenlos. Hier muss die Familie in der Regel ganz alleine die Kosten tragen.

Wiebke Lunow
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