Gedanken zum Monatsspruch Februar 2012 von Gisela Sachse

Liebevolle Begegnung - auch im Streit

Porträt einer Frau
© CBM
Gisela Sachse hat 13 Jahre lang als Religionslehrerin und Gemeindepädagogin in Sachsen gearbeitet. Seit September 2011 ist sie Mitarbeiterin des Kirchenteams der CBM.
Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand suche das Seine, sondern was dem anderen dient.
1. Kor. 10,23-24
(Monatsspruch Februar aus den "Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine für das Jahr 2012")

Alles ist erlaubt. Als Christ fühle ich mich frei, selbst zu entscheiden und mein Leben zu gestalten. Oder vielleicht hören Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zuerst das Aber, welches Paulus gleich anfügt. Schließlich birgt diese große Freiheit nicht nur Chancen, sondern auch Verantwortung. Beim Lesen sind mir die berühmten Worte Martin Luthers eingefallen: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Ich kann mir gut vorstellen, dass es dieser Vers aus dem Korintherbrief war, der Luther dazu bewegte, diese Sätze zu Papier zu bringen.
Paulus hat einen konkreten Anlass, seinen Korinthern diese Worte mit auf den Weg zu geben. In der Gemeinde wurde kontrovers diskutiert und gestritten, ob man sogenanntes Götzenopferfleisch essen dürfe oder nicht. Die Griechen opferten ihren Göttern Tiere. Ein Teil des Fleisches wurde feierlich gemeinsam verspeist und große Teile des Fleisches verkauften die örtlichen Metzgereien an ihre Kundschaft. Oft ließ sich nicht herausfinden, ob Fleisch von einer Opferzeremonie stammte. Manche Christen waren nun in großer Sorge: "Was ist, wenn ich aus Versehen Götzenopferfleisch esse?" Andere Christen waren sehr gelassen: "Es gibt nur einen Gott. Die griechischen Götter existieren nicht. Wo ist das Problem?"
Die Thematik ist uns völlig fremd. Vertraut ist uns aber, dass wir mit konträren Meinungen aneinandergeraten. Ein Streit wird ausgefochten, um herauszufinden, wer recht hat. Absichtlich oder unbedacht verletzen wir einander. Statt eine wirkliche Lösung zu finden, setzt sich der vermeintlich Stärkere durch.
Paulus geht es nicht in erster Linie um die Frage: Was ist richtig? Er will aus den unterschiedlichen Ansichten der Christen keine Einheitsmeinung machen. Es geht Paulus nicht darum, eine dogmatisch korrekte Antwort zu finden. Paulus fordert uns auf, dass wir trotz unserer verschiedenen Meinungen liebevoll miteinander umgehen. Indem ich dem anderen zuhöre und meine Meinung klar, aber nicht als unumstößliche Wahrheit vertrete, kann ich herausfinden, was ihm wichtig ist und vermeiden, ihn zu verletzen.
Paulus betont in diesem Vers die Freiheit und die Liebe gleichermaßen. Die Liebe ist nicht die Einschränkung der Freiheit, sondern deren Höhepunkt! Weil mir der andere am Herzen liegt, muss ich nicht darauf pochen, dass alles so sein muss, wie ich es für richtig halte. Oft ist es eine Herausforderung, Menschen, mit denen wir im Streit liegen, liebevoll zu begegnen. Paulus ermutigt uns dazu, uns dieser Herausforderung zu stellen.
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