Das Unerwartete tun - von Reinhold Behr

Jahreslosung 2011

Porträt eines Mannes
© CBM
Reinhold Behr ist Direktor des Ressorts Verwaltung und Finanzen der Christoffel-Blindenmission.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,21


Kaum ein anderer Bibelvers kann uns ein ähnlich schlechtes Gewissen verschaffen wie dieser, denn gerade an dem, was da von uns gefordert wird, scheitern wir oft genug: Nein, ich bin nicht edel und gut. Auch wenn ich mich gern so sehe. Trotzdem denke ich nicht immer gut von anderen. Gewiss würde ich manchmal gerne mit gleicher Münze heimzahlen. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! Zweifellos kann ich mich aufregen und das falsche Wort in den Mund nehmen. Es gibt auch bei Christen keinen Knopf, mit dem man aggressives Verhalten einfach abschalten kann.

Böses mit Gutem zu überwinden, dass erscheint sehr schwierig. Letzten Endes kann nur Gott allein das Böse überwinden. Aber wir sind aufgefordert, unseren Teil dazu beizutragen, indem wir nach seinem Gebot der Liebe leben.

Von einem alten Herrscher wird berichtet, dass er seine Feinde besiegen und sie alle vernichten wollte. Später sah man ihn mit seinen Feinden essen und scherzen. „Wolltest du nicht deine Feinde vernichten“, fragte man ihn. „Ich habe sie vernichtet“, gab er zur Antwort, „denn ich habe sie zu meinen Freunden gemacht.“    

Wo die Liebe Gottes wohnt, kann das Böse keinen Platz mehr haben. Wo die Liebe wohnt, da vergibt man sich nichts, wenn man jemandem vergibt. Wo die Liebe wohnt, da lässt sich nach einer ersten Aufregung der Zorn steuern. Wer von der Liebe Gottes weiß, der kann seine Sorgen und Nöte auch der Güte Gottes anvertrauen. Wo die Liebe wohnt, da ist Barmherzigkeit.

Wir können, wir sollen Barmherzigkeit, Nächstenliebe üben in einer Welt, in der täglich über 40.000 Menschen an Hunger oder den Folgen einer Behinderung sterben. Wir, die wir in einer Gesellschaft leben, in der die Mehrzahl genug zum Leben hat, sollten nicht aufhören, für einen Ausgleich zwischen arm und reich zu kämpfen. Wir können mit dazu beitragen, dass ein Mensch, der an einer Behinderung leidet und in ungewisser Zukunft und Armut lebt, wieder eine Chance auf ein selbstbestimmtes, besseres Leben bekommt. Indem wir nicht nur – aber auch - ungerechte Strukturen bekämpfen, indem wir für eine gerechtere Welt eintreten, indem wir uns konkret dem einzelnen Menschen zuwenden, der von der Welt als niedrig und gering betrachtet wird, werden wir auf diesem Weg und dort Gott finden, der ja für uns selber niedrig und gering wurde.

Die Welt wird überrascht sein, wenn wir Gutes tun, wo eigentlich Böses erwartet worden wäre. Versuchen wir einmal, das (eigentlich) Unerwartete zu tun.
Reinhold Behr
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