Interview mit Dr. Martin Ruppenthal - 28. Januar 2010
Die Herausforderung: Nach schrecklichen Erlebnissen wieder in den Alltag zurückfinden
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Einer der ersten CBM-Mitarbeiter auf Haiti: Dr. Martin Ruppenthal© CBM
Martin Ruppenthal war einer der ersten, die nach dem Erdbeben in Haiti Hilfe leisteten. Nach fast 10 Tagen Einsatz kehrte er am Wochenende kurzfristig zurück nach Deutschland.
Ruppenthal ist seit 1995 Mitarbeiter der CBM und derzeit als Regionaldirektor für Südamerika und die Karibik zuständig. Wir unterhielten uns mit ihm über seine Eindrücke und die Pläne, wie die CBM in den nächsten Jahren vor allem den zahlreichen Menschen mit Behinderungen in Haiti helfen wird.
Herr Dr. Ruppenthal, Sie waren als einer der ersten Helfer im Erdbebengebiet von Haiti. Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie zu kämpfen?
Ruppenthal: Die erste Schwierigkeit war, überhaupt ins Land zu gelangen. Es hat zwei Tage gedauert, bis CBM-Nothilfeexpertin Valérie Scherrer und ich einfliegen konnten. Am Flughafen herrschte Chaos. Das Benzin war knapp. Auch die Generatoren in den Krankenhäusern wurden damit betrieben. Das hatte Priorität.
Was waren Ihre ersten Eindrücke?
Ruppenthal: In Haiti habe ich ein Ausmaß der Zerstörung erlebt, wie ich es bisher nur von Kriegsbildern her kannte. Leichengeruch lag in der Luft. Es war erschütternd zu sehen, wie die Menschen traumatisiert herumliefen, nach Hilfe, Wasser und Essen suchten. Vor den Krankenhäusern bildeten sich lange Warteschlangen. Es war deprimierend: All das Leid, die Not und das Elend.
Ruppenthal: Die erste Schwierigkeit war, überhaupt ins Land zu gelangen. Es hat zwei Tage gedauert, bis CBM-Nothilfeexpertin Valérie Scherrer und ich einfliegen konnten. Am Flughafen herrschte Chaos. Das Benzin war knapp. Auch die Generatoren in den Krankenhäusern wurden damit betrieben. Das hatte Priorität.
Was waren Ihre ersten Eindrücke?
Ruppenthal: In Haiti habe ich ein Ausmaß der Zerstörung erlebt, wie ich es bisher nur von Kriegsbildern her kannte. Leichengeruch lag in der Luft. Es war erschütternd zu sehen, wie die Menschen traumatisiert herumliefen, nach Hilfe, Wasser und Essen suchten. Vor den Krankenhäusern bildeten sich lange Warteschlangen. Es war deprimierend: All das Leid, die Not und das Elend.
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"Centre d´Education Spéciale": das CBM-geförderte Projekt für Menschen mit geistigen Behinderungen in Port-au-Prince wurde durch das Erdbeben schwer beschädigt.© CBM / Grossmann
Die CBM unterstützt fünf Projekte in Port-au-Prince. Was ist zerstört?
Ruppenthal: Eine Schule und ein Zentrum für blinde Menschen, die von der CBM gefördert werden, sind zerstört. Die Augenklinik, die die CBM mit Hilfe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgebaut hat, ist voll funktionsfähig und nimmt ihren Dienst wieder auf. Auch im CBM-geförderten „Grace Children‘s Hospital“ wurde Nothilfe geleistet. Die Augenabteilung des Universitätskrankenhauses ist zwar beschädigt, dort können jedoch Patienten behandelt werden. Außerdem werden wir helfen, die Abteilung neu aufzubauen.
Wie hat das Nothilfe-Team geholfen?
Ruppenthal: In einem Krankenhaus half Valérie Scherrer bei der Aufnahme der Patientinnen und Patienten. Ich verteilte Lebensmitteln und Wasser.
Mit Valérie Scherrer habe ich dann die CBM-geförderten Projekte und ehemalige Projektpartner besucht und geschaut, wie es Schülern und Mitarbeitern geht. Unter der ehemals von der CBM-geförderten „St. Vincent School“ wurden sechs Kinder verschüttet und starben. Wir wissen nicht, wie viele Kinder noch vermisst werden. Mindestens fünf der haitianischen Mitarbeiter in CBM-unterstützten Projekten sind durch das Beben umgekommen. Aber viele haben sich noch gar nicht zurückgemeldet. Um den betroffenen Menschen effektiv zu helfen und Netzwerke zu knüpfen, hat Valérie Scherrer Kontakt aufgenommen mit den Vereinten Nationen vor Ort, anderen Hilfsorganisationen und dem haitianischen blinden Staatssekretär für Inklusion, Dr. Michel Péan.
Was hat Sie besonders bewegt?
Ruppenthal: Es hat mich erschüttert, dass in dem Krankenhaus, in dem wir mitgeholfen haben, drei Menschen nach einer gelungenen Operation gestorben sind. Sie bekamen nach der OP eine Lungenembolie, weil u.a. Medikamente fehlten und ihnen niemand geholfen hatte, sich mehr zu bewegen. Sie hätten nicht sterben müssen. Das zweite eindrückliche Erlebnis war, dass bei einem unserer ehemaligen CBM-Partner 40 stark behinderte Menschen obdachlos geworden sind. Die CBM wird helfen, dass sie eine Bleibe finden und besser versorgt werden. Valérie Scherrer, die schon in vielen Notsituationen geholfen hat, sagte, dass es die schlimmste Katastrophe war, die sie gesehen hat.
Ruppenthal: Eine Schule und ein Zentrum für blinde Menschen, die von der CBM gefördert werden, sind zerstört. Die Augenklinik, die die CBM mit Hilfe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgebaut hat, ist voll funktionsfähig und nimmt ihren Dienst wieder auf. Auch im CBM-geförderten „Grace Children‘s Hospital“ wurde Nothilfe geleistet. Die Augenabteilung des Universitätskrankenhauses ist zwar beschädigt, dort können jedoch Patienten behandelt werden. Außerdem werden wir helfen, die Abteilung neu aufzubauen.
Wie hat das Nothilfe-Team geholfen?
Ruppenthal: In einem Krankenhaus half Valérie Scherrer bei der Aufnahme der Patientinnen und Patienten. Ich verteilte Lebensmitteln und Wasser.
Mit Valérie Scherrer habe ich dann die CBM-geförderten Projekte und ehemalige Projektpartner besucht und geschaut, wie es Schülern und Mitarbeitern geht. Unter der ehemals von der CBM-geförderten „St. Vincent School“ wurden sechs Kinder verschüttet und starben. Wir wissen nicht, wie viele Kinder noch vermisst werden. Mindestens fünf der haitianischen Mitarbeiter in CBM-unterstützten Projekten sind durch das Beben umgekommen. Aber viele haben sich noch gar nicht zurückgemeldet. Um den betroffenen Menschen effektiv zu helfen und Netzwerke zu knüpfen, hat Valérie Scherrer Kontakt aufgenommen mit den Vereinten Nationen vor Ort, anderen Hilfsorganisationen und dem haitianischen blinden Staatssekretär für Inklusion, Dr. Michel Péan.
Was hat Sie besonders bewegt?
Ruppenthal: Es hat mich erschüttert, dass in dem Krankenhaus, in dem wir mitgeholfen haben, drei Menschen nach einer gelungenen Operation gestorben sind. Sie bekamen nach der OP eine Lungenembolie, weil u.a. Medikamente fehlten und ihnen niemand geholfen hatte, sich mehr zu bewegen. Sie hätten nicht sterben müssen. Das zweite eindrückliche Erlebnis war, dass bei einem unserer ehemaligen CBM-Partner 40 stark behinderte Menschen obdachlos geworden sind. Die CBM wird helfen, dass sie eine Bleibe finden und besser versorgt werden. Valérie Scherrer, die schon in vielen Notsituationen geholfen hat, sagte, dass es die schlimmste Katastrophe war, die sie gesehen hat.
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Beistand: Die CBM lässt ihre Partner nicht alleine.© CBM
Wie sieht die mittel- und langfristige Hilfe aus?
Ruppenthal: Etwa 250.000 Menschen sind verletzt. Wir gehen davon aus, dass 30 Prozent davon Menschen mit Behinderung sind. Sie brauchen jetzt Hilfe, weil viele sonst sterben – und vormals Gesunde ihr Leben lang behindert sein werden. In der Soforthilfe ging es darum, dass die Menschen Lebensmittel und Wasser erhalten und medizinisch versorgt werden. Mittel- und langfristig brauchen wir neben Geld vor allem Ärzte und Physiotherapeuten. Einerseits werden wir Spezialisten einfliegen. Andererseits müssen wir verstärkt Haitianer als Ärzte, Krankenschwestern und Gesundheitshelfer ausbilden.
In den nächsten Monaten wollen wir die notwendige Nachsorge für operierte Patienten leisten. Wahrscheinlich müssen manche Patienten nochmals operiert werden, etwa weil sie nicht zur Nachuntersuchung gekommen sind. Die CBM wird den Aufbau der zerstörten Schulen, Bildungszentren und Krankenhäuser unterstützen. Darüber hinaus wird die Augen- und Ohrenarbeit erweitert. Menschen, die operiert wurden, brauchen Rehabilitation und Physiotherapie. Ein weiterer Punkt ist die Traumabewältigung. Die Menschen sollen ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten und wieder in den Alltag zurückfinden. Zudem sucht die CBM nach weiteren Partnern, um den Menschen vor Ort effektiv zu helfen.
Wie helfen Sie Kindern?
Ruppenthal: Kinder sind in Notsituationen besonders gefährdet, Opfer von Missbrauch zu werden. Viele von ihnen sind traumatisiert. Deshalb bieten wir ihnen vorübergehend die Betreuung in Tageszentren, in denen sie tagsüber gut aufgehoben sind. Insgesamt möchten wir mit der Hilfsorganisation Handicap International zehn Tageszentren aufbauen. Von diesen Zentren aus gehen Gesundheitshelfer in die Dörfer und suchen nach behinderten Menschen, die Hilfe benötigen.
Wir möchten auch andere Hilfsorganisationen für die Bedürfnisse behinderter Menschen sensibilisieren. Es ist wichtig, dass die neuen Gebäude behindertengerecht aufgebaut werden, damit beispielsweise Rollstuhlfahrer in die neuen Schulen gelangen können. Und dass Menschen mit Behinderung bei Beschäftigungsprogrammen berücksichtigt werden.
Wie viel Geld wird benötigt?
Ruppenthal: Unsere Partner brauchen mehr Geld für die laufenden Kosten, weil Hilfen vom Staat sowie Firmen und anderen Gönnern komplett weggefallen sind und 90 Prozent der Menschen umsonst behandelt werden. Bis 2014 brauchen wir 1,2 bis 1,5 Millionen Euro, damit unsere Projektpartner arbeiten können. 2,2 bis drei Millionen Euro brauchen wir zusätzlich für den Wiederaufbau.
Was wünschen Sie sich von unseren Spenderinnen und Spendern?
Ruppenthal: Anteilnahme – Haiti braucht nun einen neuen Start. Es gibt enorm viel zu tun, damit Haiti ein besserer Ort wird. Wir bitten die Spenderinnen und Spender, die Arbeit der CBM weiter zu unterstützen, mit Spenden und mit Gebeten. Die Menschen in Haiti brauchen Hilfe.
Ruppenthal: Etwa 250.000 Menschen sind verletzt. Wir gehen davon aus, dass 30 Prozent davon Menschen mit Behinderung sind. Sie brauchen jetzt Hilfe, weil viele sonst sterben – und vormals Gesunde ihr Leben lang behindert sein werden. In der Soforthilfe ging es darum, dass die Menschen Lebensmittel und Wasser erhalten und medizinisch versorgt werden. Mittel- und langfristig brauchen wir neben Geld vor allem Ärzte und Physiotherapeuten. Einerseits werden wir Spezialisten einfliegen. Andererseits müssen wir verstärkt Haitianer als Ärzte, Krankenschwestern und Gesundheitshelfer ausbilden.
In den nächsten Monaten wollen wir die notwendige Nachsorge für operierte Patienten leisten. Wahrscheinlich müssen manche Patienten nochmals operiert werden, etwa weil sie nicht zur Nachuntersuchung gekommen sind. Die CBM wird den Aufbau der zerstörten Schulen, Bildungszentren und Krankenhäuser unterstützen. Darüber hinaus wird die Augen- und Ohrenarbeit erweitert. Menschen, die operiert wurden, brauchen Rehabilitation und Physiotherapie. Ein weiterer Punkt ist die Traumabewältigung. Die Menschen sollen ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten und wieder in den Alltag zurückfinden. Zudem sucht die CBM nach weiteren Partnern, um den Menschen vor Ort effektiv zu helfen.
Wie helfen Sie Kindern?
Ruppenthal: Kinder sind in Notsituationen besonders gefährdet, Opfer von Missbrauch zu werden. Viele von ihnen sind traumatisiert. Deshalb bieten wir ihnen vorübergehend die Betreuung in Tageszentren, in denen sie tagsüber gut aufgehoben sind. Insgesamt möchten wir mit der Hilfsorganisation Handicap International zehn Tageszentren aufbauen. Von diesen Zentren aus gehen Gesundheitshelfer in die Dörfer und suchen nach behinderten Menschen, die Hilfe benötigen.
Wir möchten auch andere Hilfsorganisationen für die Bedürfnisse behinderter Menschen sensibilisieren. Es ist wichtig, dass die neuen Gebäude behindertengerecht aufgebaut werden, damit beispielsweise Rollstuhlfahrer in die neuen Schulen gelangen können. Und dass Menschen mit Behinderung bei Beschäftigungsprogrammen berücksichtigt werden.
Wie viel Geld wird benötigt?
Ruppenthal: Unsere Partner brauchen mehr Geld für die laufenden Kosten, weil Hilfen vom Staat sowie Firmen und anderen Gönnern komplett weggefallen sind und 90 Prozent der Menschen umsonst behandelt werden. Bis 2014 brauchen wir 1,2 bis 1,5 Millionen Euro, damit unsere Projektpartner arbeiten können. 2,2 bis drei Millionen Euro brauchen wir zusätzlich für den Wiederaufbau.
Was wünschen Sie sich von unseren Spenderinnen und Spendern?
Ruppenthal: Anteilnahme – Haiti braucht nun einen neuen Start. Es gibt enorm viel zu tun, damit Haiti ein besserer Ort wird. Wir bitten die Spenderinnen und Spender, die Arbeit der CBM weiter zu unterstützen, mit Spenden und mit Gebeten. Die Menschen in Haiti brauchen Hilfe.
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