Interview mit Dr. Chris Schmotzer

Der bevorstehende Winter ist jetzt das größte Problem

Dr. Chris Schmotzer, Mitarbeiterin eines Projektpartners der CBM in Pakistan und Mitglied der Christusträger-Schwesternschaft, war nach dem Erdbeben Anfang Oktober als eine der ersten Helferinnen im Katatrophengebiet. Zweieinhalb Wochen nach dem Erdbeben fragen wir nach.

2. November 2005

Portrait von Dr. Chris Schmotzer
Für die CBM vor Ort: Dr. Chris Schmotzer, Mitarbeiterin eines CBM-Projektpartners in Pakistan, steht Rede und Antwort
Wie sieht die Situation bei Ihnen vor Ort momentan aus?
Noch immer ist die Situation im Norden Pakistans katastrophal. Das Hauptproblem ist jetzt die Unterbringung der vielen Menschen, die keinen Wohnraum mehr haben, denn der Winter kommt ...; die medizinische Akutphase und die Bergungs- und Rettungsarbeiten sind vorbei, aber es wird jeden Tag kälter. Mitte November schneit es oft schon in diesem Gebiet.

So ist es im Moment am dringlichsten, Zelte, Decken und warme Kleidung zur Verfügung zu stellen. Leider gibt es kaum noch Zelte (selbst bei internationalen Quellen), so haben wir schon begonnen, Plastikplanen zu verteilen, damit die Menschen sich zumindest einen notdürftigen Unterschlupf herrichten können.

Unsere Teams sind mit diesen Hilfsmaßnahmen gerade voll ausgelastet. Das nächste Hauptziel muss natürlich der Wiederaufbau sein, aber daran ist bei den Schuttbergen und dem bevorstehenden Wintereinbruch noch nicht zu denken.

Welche Hilfe wird konkret benötigt?
Wie schon gesagt, Hilfe wird im Moment für Zelte, Decken und warme Kleidung benötigt und Geld für die Logistik, damit die Dinge wirklich zu den Bedürftigen kommen. Unsere Mitarbeiter erleben immer wieder, dass die Menschen an den zugänglichen Straßen das Nötigste haben, aber die Ärmsten, die weiter von den Straßen weg leben, nichts abbekommen.

Darauf konzentrieren wir uns. Unsere Mitarbeiter kennen die Gegend um Balakot (Kaghan-Tal) und Battagram sehr gut, und fahren mit Hilfsgütern in die entlegenen Dörfer. Das Problem ist also zum Teil auch ein Verteilproblem.

Worin besteht momentan Ihre dringlichste Aufgabe?
"Unterschlupf" für den Winter ist gerade das große Thema. Hoffen wir, dass der Winter nicht zu kalt und feucht wird. Wichtig ist auch, dass Verletzte mit komplizierten Knochenbrüchen und anderen Verletzungen, die in der Akutphase nur notdürftig versorgt wurden, nun ordentlich behandelt werden, auch Rehabilitationsmaßnahmen in die Wege geleitet werden. Dazu arbeiten wir in Rawalpindi mit guten Unfallchirurgen zusammen, aber auch das kostet Geld, auch wenn die Kollegen sehr hilfsbereit sind.

$(fett: Wie sieht die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und/oder
internationalen Hilfsorganisationen aus?)$
Wir sind beeindruckt, wieviele Menschen bereit sind zu helfen. Besonders von der Christoffel-Blindenmission und dem DAHW (Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe) haben wir beeindruckend schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen, das war so ermutigend für uns. Auch viele deutsche und pakistanische Freunde haben sofort begonnen, etwas für uns zu tun, das ist wirklich überwältigend.

Das pakistanische Militär hat uns in der Akutphase sehr geholfen beim Ausfliegen von Verletzten von Balakot. Die Deutsche Botschaft in Islamabad hat auch sehr schnell reagiert. Insgesamt haben wir eine unglaublich Solidarität mit den Armen und Verletzten erlebt und erleben sie immer noch.

Leider ist es so, dass die lokale Verwaltung so überwältigt ist, dass sie Mühe hat, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Deshalb sind unsere Anstrengungen für die, die "übersehen" werden, sehr wichtig. Wichtig wird auch sein, beim Wiederaufbau mitzuwirken, damit die Basisgesundheitsdienste bald wieder funktionieren.

Wie sieht die Prognose für die normale Projektarbeit aus?
Wir hoffen sehr, dass wir mit den Wiederaufbaumaßnahmen unsere "normale" Projektarbeit (Leprakontrolle, Blindheitsverhütung) wieder beginnen können. Das wird schon noch ein bisschen dauern. Es ist wichtig, die richtigen Prioritäten zu setzen. Unser großer Vorteil ist, dass wir das Land schon lange kennen und die Menschen zu uns Vertrauen haben. Es gibt unendlich viel zu tun in der nächsten Zeit.

Uns persönlich geht es gut, auch wenn es natürlich eine "Stresszeit" ist. Aber inmitten des Leides ist es auch eine besonders Erfahrung, so gezielt helfen zu können.
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