Bensheim
Mit ganz wenig viel erreichen kann
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Sattar Dulal: "Man kann mit ganz wenig viel erreichen."© CBM
Der CBM-Partner BPKS (Bangladesh disabled peoples organization) in Bangladesch hat einen Ansatz zur Selbsthilfe für Menschen mit Behinderung entwickelt, der besonders Menschen in armen Ländern in die Lage versetzen soll, sich selbst zu helfen.
Im Juli war der Gründer und Direktor von BPKS, Sattar Dulal, in der CBM-Zentrale im südhessischen Bensheim zu Gast. CBM-Mitarbeiterin Ulrike Loos interviewte ihn über die Hintergründe, Erfolge und Ziele des Programms.
Ulrike Loos: Die Hilfe zur Selbsthilfe ist bei der Wahl der CBM-Projektpartner immer ein vorrangiges Kriterium. Das Besondere bei BPKS ist, im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen, dass die Selbsthilfe schon in der Organisationsstruktur angelegt ist. Wie sieht das konkret aus?
Ulrike Loos: Die Hilfe zur Selbsthilfe ist bei der Wahl der CBM-Projektpartner immer ein vorrangiges Kriterium. Das Besondere bei BPKS ist, im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen, dass die Selbsthilfe schon in der Organisationsstruktur angelegt ist. Wie sieht das konkret aus?
Sattar Dulal: Über die Hälfte aller BPKS-Mitarbeiter sind selbst Menschen mit Behinderung. Wir haben ein landesweites Netzwerk von Selbsthilfegruppen gegründet, wobei auf der lokalen Ebene alle Mitglieder der Selbsthilfegruppen sogar entweder selbst behindert oder Angehörige von Behinderten sind. Wir bevorzugen deshalb Menschen mit Behinderung, weil sie im Gegensatz zu nichtbehinderten Menschen nie vergessen, was es heißt, behindert zu sein. Auf diese Weise können sie auch zeigen, was Menschen mit Behinderung alles leisten und zur Gemeinschaft beitragen können. Dieser Ansatz heißt PSID.
Ulrike Loos: Was hat Sie persönlich bewegt, diese Organisation zu gründen?
Sattar Dulal: Als ich 15 war, fiel ich von einem Baum. Dadurch wurde ich querschnittsgelähmt und bekam sieben Jahre lang Therapie. Seit dieser Zeit erfuhr ich am eigenen Körper, was es bedeutet behindert zu sein. Schließlich erhielt ich eine Anstellung in einer Organisation, die sich um behinderte Menschen kümmerte. Doch ich erkannte sehr bald, dass ich nicht als gleichwertiger Kollege wahrgenommen wurde, sondern mehr als jemand, dem man mit dieser Anstellung einen Gefallen tat. Das ärgerte mich. Damals entschloss ich mich, selbst eine Organisation zu gründen, von behinderten Menschen geleitet, in der Menschen wie ich die Chance bekämen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und ihre Fähigkeiten zu entwickeln und selbst zu bestimmen, wo es langgeht.
Ulrike Loos: Die Selbsthilfegruppen, die sich unter der BPKS zusammengeschlossen haben, gibt es noch nicht in allen Provinzen Bangladeschs. Das versuchen Sie ja weiter voranzutreiben. Inwiefern profitiert eine neugegründete Selbsthilfegruppe heute von Ihren Erfahrungen?
Sattar Dulal: Sie muss unsere Anfangsfehler nicht alle noch einmal machen und sie trägt natürlich auch nicht mehr das finanzielle Risiko, das wir damals auf uns nahmen. Wir haben zu Beginn von BPKS verschiedene Servicedienste für Menschen mit Behinderung angeboten, z.B. Rehabilitationsdienste, Ausbildung und Stellenvermittlung. Bis wir merkten, dass wir völlig von der Unterstützung der Geldgeber abhängig waren. Eines Tages kam eine Mitarbeiterin zu mir und sagte, wir könnten die Gehälter für den nächsten Monat nicht bezahlen und da fragte ich mich, was wir falsch gemacht hatten. Wir arbeiteten damals einfach nicht nachhaltig.
Ulrike Loos: Heute arbeitet BPKS ja mit einem kleinen Mitgliedsbeitrag, der die lokalen Initiativen weitgehend unabhängig macht. Was hat sich noch verändert?
Sattar Dulal: Durch die Mitgliedsbeiträge sind wir erheblich unabhängiger und an vielen Stellen schon ökonomisch selbständig. Ein behinderter Mensch, der es geschafft hat, der Armut zu entkommen, ist für einen anderen behinderten Menschen, der es noch nicht geschafft hat, ein viel ermutigenderes Vorbild als das ein Nichtbehinderter je sein könnte. Das Wichtigste für mich ist, dass inzwischen auch die nichtbehinderten Menschen erkennen, was Menschen mit Behinderung leisten und zu gesellschaftlichen Entwicklungen im Ganzen beitragen können.
Ulrike Loos: Können Sie dazu ein paar Zahlen nennen?
Sattar Dulal: Seit der Gründung von BPKS 1996 haben bereits über 10.000 Betroffene und ihre Familien von dem Programm profitiert und konnten damit aus der bittersten Armut befreit werden. Die Zahl der Kataraktoperationen wurde in den beteiligten Provinzen von ca. 500 auf etwa 2.300 pro Million Einwohner gesteigert.
Ulrike Loos: Das ist selbst international betrachtet ein hervorragendes Ergebnis! In vielen Industrienationen liegt die Rate bei rund 4.000. Das heißt, sie schließen in Bangladesch langsam aber sicher auf.
Sattar Dulal: Ja, wir sind auch sehr stolz darauf und möchten das Programm jetzt mit Hilfe der CBM und anderen Organisationen auch in weitere arme Länder übertragen – zum Beispiel kommen da Kambodscha und Nepal in Frage. Um unseren Ansatz bekannt zu machen, hat im Februar dieses Jahres in Bangladesch eine Konferenz stattgefunden, an der Vertreter aus 25 Ländern teilnahmen unter anderem auch Vertreter der CBM. Diese Unterstützung ist uns wichtig und wir sind froh, die CBM als Partner zu haben.
Ulrike Loos: Herr Dulal, vielen Dank für das Gespräch!




