9. Juni 2011

Interview mit CBM-Direktor Dr. Rainer Brockhaus zum ersten Weltbehindertenreport

"Das Ziel: Gleiche Rechte und Chancen für Menschen mit Behinderungen"

Porträt eines Mannes
CBM-Direktor Dr. Rainer Brockhaus
© CBM
Der erste Weltbehindertenreport der Weltgesundheitsorganisation und der Weltbank bringt es an den Tag: Die Zahl der Menschen mit Behinderungen ist gestiegen und dramatisch höher als bisher angenommen. Statt von 650 Millionen gehe man jetzt von rund einer Milliarde behinderter Menschen weltweit aus. Die allermeisten von ihnen leben in Asien, Afrika und Lateinamerika.
Auf diesen Kontinenten engagiert sich seit mehr als 100 Jahren die Christoffel-Blindenmission (CBM). Sie ist in Deutschland und weltweit die anerkannte Fachorganisation zum Thema Behinderung in den Entwicklungsländern dieser Erde. Pro Jahr unterstützt sie mehr als 20 Millionen Menschen mit Behinderungen – wie augenkranke, blinde, gehörlose sowie körper- oder geistig behinderte Menschen. Für CBM-Direktor Dr. Rainer Brockhaus ist die Veröffentlichung des Weltbehindertenreports ein historischer Moment.
 
Dr. Brockhaus, welche Rolle hatte die Christoffel-Blindenmission (CBM) bei der Erstellung des Weltbehindertenreports ?

Brockhaus: Als weltweit führende Fachorganisation, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzt, waren wir an verschiedenen Stellen gefragt. So unterstützten CBM-Experten aus mehreren Ländern und Fachbereichen die Datenanalyse und erarbeiteten Empfehlungen für die Umsetzung in die Praxis. Darüber hinaus vermittelte die CBM auch Fachautoren und wirkte bei der Entwicklung der barrierefreien Version mit.
 
Warum muss es einen offiziellen Report von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank über Menschen mit  Behinderungen geben?
Brockhaus: Wir brauchten dringend einen Bericht, der einen aktuellen und authentischen Überblick über das Leben der größten Minderheit der Welt - und das sind nun einmal Menschen mit Behinderungen - gibt. Der Bericht war schlicht überfällig. Jahrelang haben Experten, darunter auch CBM-Mitarbeiter, Fakten und Statistiken gesammelt, sie bewertet und sie in einem über 300 Seiten starken Bericht zusammengefasst. Über die Erhebungen zur weltweiten Situation von behinderten Menschen hinaus wird dieser Bericht die Richtschnur dafür geben, was zu tun ist, um den Belangen von behinderten Menschen endlich gerecht zu werden. Die Veröffentlichung ist daher für uns bei der CBM ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft.
 
Aber es gibt doch aktuelle Papiere, in denen die Belange von behinderten Menschen thematisiert werden, z.B. die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Reicht das nicht?

Brockhaus: Genau dafür wird dieser WHO- und Weltbank-Report benötigt. Die UN-Konvention fordert sämtliche Staaten auf, allen Menschen die gleichen Rechte zu ermöglichen. Der Weltbehindertenreport analysiert zum einen die aktuelle Situation, zum anderen zeigt er Lösungsmöglichkeiten auf. Thematisiert werden Diskriminierung und Barrieren für Menschen mit Behinderungen. Bedarfsanalysen zeigen auf, wie die Lebensqualität behinderter Menschen in den Bereichen Gesundheit, Rehabilitation, Umfeld oder in Bildung und im Arbeitsleben verbessert werden kann. Wenn die Staaten diesen Bericht aufmerksam gelesen haben, dann müssen sie eines wissen: Ignorieren sie bei ihren Maßnahmen und Gesetzesvorhaben Menschen mit Behinderungen, dann schließen sie einen großen Teil der eigenen Bevölkerung aus - zum Beispiel vom Zugang zur Bildung. Eine erschreckende Zahl soll das verdeutlichen:
In Ruanda gehen nur etwa 300 von den geschätzten 10.000 gehörlosen Kindern zur Schule. Damit wird diesen Kindern schon ganz früh die Chance verbaut, einen Beruf zu erlernen, der es ihnen ermöglichen würde, ihr Leben und das ihrer Familie zu verbessern.
Ohne Bildung für alle ist nachhaltige Entwicklung unmöglich.
 
Was gefällt Ihnen besonders gut an diesem Report?

Brockhaus: Für mich ist entscheidend, dass der Bericht sich von einer rein medizinischen Definition von Behinderung abwendet. Er versteht Behinderung nicht als Problem eines behinderten Menschen, sondern stellt fest, dass Behinderung aus der Interaktion eines Menschen, der eine Beeinträchtigung hat, und seiner Umwelt entsteht. Damit rückt das Umfeld in den Fokus, die umweltbedingten und gesellschaftlichen Barrieren, denen sich ein behinderter Mensch gegenüber sieht. Es sind diese Barrieren im Gesundheitsbereich, der Bildung und dem Beruf, die es Menschen mit Behinderungen so schwer machen, ihre Fähigkeiten einzubringen und als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft gesehen zu werden.  
 
Was war für Sie die überraschendste Erkenntnis aus dem Weltbehindertenreport?

Brockhaus: Überrascht waren wir von dem sehr dramatischen Anstieg der Zahl von Menschen mit Behinderungen. Seit den 70er Jahren gingen die Experten davon aus, dass rund zehn Prozent der Weltbevölkerung in irgendeiner Weise behindert sind. Nun gibt die WHO den Anteil mit 15 Prozent an. Das entspricht bei einer Weltbevölkerung von fast 7 Milliarden rund 1 Milliarde Menschen. In den bisherigen  Schätzungen gingen wir von "nur" rund 650 Millionen Menschen aus.
 
Warum gibt es so viele Menschen mit Behinderungen?

Brockhaus: Dass die Zahl der Menschen mit Behinderungen so hoch ist, liegt leider vor allem an den Lebensumständen in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Dort leben viele arme Menschen - und diese haben ein vielfach höheres Risiko behindert zu sein oder zu werden als Menschen in Industrieländern. Gründe hierfür liegen in Mangel- und Fehlernährung sowie in der unzureichenden oder zu teuren Gesundheitsversorgung. Dadurch entstehen oft chronische Erkrankungen, die zu Behinderungen führen.  Darüber hinaus nimmt die Zahl der Menschen mit Behinderungen weiter zu. Ein Grund ist laut Bericht der immer größer werdende Anteil von älteren Menschen. Ältere Menschen haben ein höheres Risiko behindert zu werden und es dauerhaft zu bleiben. Außerdem führt der Report die steigende Zahl von chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzerkrankungen als Ursache für die Zunahme auf.
 
Was bedeutet das für die Christoffel-Blindenmission als weltweite Fachorganisation?

Brockhaus: Wir dürfen nicht nachlassen, ja, wir müssen unsere Anstrengungen noch verstärken. Das ist alleine nicht zu schaffen, deshalb müssen wir Allianzen bilden, z.B. mit anderen Nichtregierungsorganisationen. Wir brauchen weltweite Kampagnen wie "Vision 2020 - das Recht auf Augenlicht". Sie hat das Ziel, bis zum Jahr 2020 die heilbare und vermeidbare Blindheit bekämpft zu haben. Und wir müssen die Regierungen - auch der armen Länder dieser Erde - überzeugen, Menschen mit Behinderungen als wichtige Bevölkerungsgruppe zu erkennen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Ein gutes Beispiel dafür sind die landesweiten Blindheitsverhütungsprogramme, die auch in Malawi, Äthiopien, Bangladesch, Philippinen, Kolumbien oder Nicaragua etabliert sind. Diese Ausgaben sind Investitionen in die Zukunft dieser Länder, denn die unzureichende Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen führt zu erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden – mögliche Potentiale bleiben einfach ungenutzt.
 
Wie arbeitet die CBM in ihren Projekten? Auf welcher Grundlage erfolgt die Arbeit vor Ort?

Brockhaus: Wir gehen in unseren Projekten und Programmen zweigleisig vor. Das heißt, dass einerseits die Belange von Menschen mit Behinderungen in allgemeinen Projekten und Programmen Berücksichtigung finden. Dafür setzt die CBM sich in ihrer anwaltschaftlichen Arbeit bei Regierungen und Nichtregierungsorganisationen ein. Andererseits können Maßnahmen notwendig sein, die speziell Menschen mit Behinderungen und ihre Organisationen unterstützen. Viele von ihnen haben ihr Leben lang Ausgrenzung aus der Gesellschaft erlebt. Durch gezielte Maßnahmen sollen sie in die Lage versetzt werden, ihre Geschicke in die eigene Hand zu nehmen und ihre Interessen selbst zu vertreten.
 
Was ist das Ziel?

Brockhaus: Gleiche Rechte und Chancen für Menschen mit Behinderungen, ihre Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen – also ihre Inklusion. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Ein kleines Mädchen träumt davon, wie die anderen Kinder auch die Schule im Nachbarort zu besuchen, doch es kann nicht laufen. Eine spezifische Maßnahme könnte also sein, ihm einen Rollstuhl zur Verfügung zu stellen, damit es die Chance hat, sich selbstständig fortzubewegen. In vielen Fällen reicht dies aber nicht aus, denn die Wege sind mit einem Rollstuhl oft nicht befahrbar. So besäße das Mädchen zwar einen Rollstuhl, könnte aber dennoch nicht zur Schule fahren. Hier muss der zweite Ansatz folgen, dass allgemeine Vorhaben inklusiv gestaltet werden, z.B. die Infrastruktur des Dorfes und die dortigen Wege zu verbessern. Bei der Planung des neuen Weges müssen deshalb alle Dorfbewohner mit und ohne Behinderungen einbezogen werden. Nur so kann Menschen mit Behinderungen nachhaltig geholfen werden.
 
Vielen Dank für das Gespräch!
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