Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi
Letzter Täufling von Ernst Jakob Christoffel
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Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi: Letzter Täufling von Ernst Jakob Christoffel.© CBM
Herr Jesu Christ, dich zu uns wend, dein' Heilgen Geist du zu uns send.
Amen.
Amen.
Liebe Freunde der CBM, liebe Gemeinde. Im Brief an die Hebräer steht ein Wort, das ich in dieser Predigt auf Ernst Jakob Christoffel hin bedenken möchte: "Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folgt ihrem Glauben nach." (Hebräer 13,7)
Was bedeutet für uns dieses Wort heute, wenn wir das 100-jährige Jubiläum der CBM feiern? Für mich bedeutet es, dass ich persönlich werden muss, um Christoffel recht zu würdigen. Ich bin Pfarrer Christoffels Schüler und sein letzter Täufling. Täufling nicht im Kindesalter, sondern als ich fast erwachsen war. Mit einem Freund zusammen haben wir an seinem Bett die Totenwache gehalten. Schon vom Tod gezeichnet, lehnte er es ab, nach Deutschland zurückzukehren. Er wollte dort sterben, wo er 30 Jahre als Missionar und Blindenlehrer gewirkt hatte. Nun wartet er auf dem Wüstenfriedhof von Isfahan (Iran) zusammen mit Tausenden von armenischen Christen auf die Auferstehung der Toten. Ja, Christen haben noch etwas zu erwarten.
Die Erinnerung an das, was Christoffel aus dem Glauben heraus geleistet hat, ist ein Ansporn für uns alle, sein Werk fortzusetzen, das mit seiner ersten Ausreise in den Orient heute genau vor 100 Jahren begonnen hat. Wenn ich jetzt mit einigem Abstand auf die Jahre mit Christoffel zurückblicke und den Weg bedenke, den er mir im Glauben gewiesen hat, dann erfüllt mich das mit großer Dankbarkeit. Er hat das Wort Gottes nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt. Solche Dankbarkeit ist eine wichtige Form jenes Gedenkens, von dem der Verfasser des Hebräerbriefes spricht: "Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folgt ihrem Glauben nach." Ich will mich erinnern an alles, damit ich nicht vergesse, worauf mein Lebenshaus gegründet ist.
Ich bin Christ geworden und geblieben, weil Christoffel seinen Glauben gelebt hat. In einem Land wie meinem Heimatland Iran gar nicht so einfach. Wie wir leben und handeln, kann neugierig machen. Schon vor 2.000 Jahren sagten Außenstehende von den Christen: "Seht, wie sie einander lieb haben." So ist es mit uns Christen, keiner ist Christ geworden ohne andere Christen.
Als ich 18 war, da legte Christoffel seine Hände auf mich und sagte: Ich taufe dich, jetzt bist du ein Gotteskind. Das hab ich geglaubt und glaube es noch. Mein Vater, der mit meinem Weg nicht einverstanden war, sagte dennoch von Christoffel das denkwürdige Wort: Allah wird einmal ein extra Haus für ihn bauen zwischen Himmel und Hölle. Das werden wir sehen. Christen sehen sich ja nie zum letzten Mal.
Ich bin zeitlebens davon überzeugt, ich wäre nicht Christ geworden, wenn ich nicht das Augenlicht verloren hätte und zu Christoffel gekommen wäre. Gottes Wege sind voller Geheimnisse. Wenn wir ja dazu sagen, gleich welchen Weg Gott uns führt, bleibt der Segen nicht aus. Wir müssen nicht alles haben, um glücklich zu werden. Christus allein genügt, sagt Theresa von Avila.
Liebe Freunde der Christoffel-Blindenmission, es gibt viele Geschichten um den Mann, der den Grundstock für die Arbeit der Christoffel-Blindenmission legte. Einige davon möchte ich kurz erzählen, die ich miterlebt habe. Christoffel fragte mich einmal: Wie viele Augen hast du? Etwas befremdet antwortete ich, keine. Da nahm er meine Hände und zählte meine Finger: "So viele Augen hast du!" Unter meinem Lesefinger, in nur sechs kleinen Punkten, hat die ganze Welt Platz. In meiner Bibel stehen rund 8,5 Millionen Punkte. Wenn meine Finger über die Punkte gleiten, Punkt an Punkt, Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort fügen, bis sich mir ein Sinn erschließt, dann danke ich Gott für meine Finger. Ich lese und in mir wird es hell. Bin ich dennoch arm, weil ich blind bin? Nein.
Als ich bei Christoffel in die Schule ging, waren wir eine Gruppe von rund 25 Kindern und Jugendlichen; überwiegend Blinde, aber auch zwei Beinamputierte, denen Christoffel Krücken gezimmert hatte, die sie unter ihre Arme klemmten. Zwei geistig Behinderte und ein Epileptiker, einer mit einem Klumpfuß, der es verstand, die Aufmerksamkeit von Heimbesuchern auf sich zu lenken, indem er sein Bein um seine Schulter legte. Dann war da noch ein taubstummer junger Mann mit elf Fingern, der bei Christoffel das Malen und sprechen lernte. Wir Kinder hatten unseren Spaß daran, wie Christoffel ihm die Finger in den Mund steckte, um ihm die Artikulation beizubringen.
Öffentlich missionieren war auch damals schon verboten. Jeden Sonntag nach der Andacht nahm Christoffel einen der älteren Schüler mit auf seinem Spaziergang durch die Hauptstraße der Stadt. Ich war öfters dabei. Immer wenn er Blinden und anders Behinderten begegnete, gab er mir einen Wink, und ich holte aus seiner Jackentasche eine Münze und legte sie dem Bettler in die Hand. Eine willkommene Gelegenheit, um den anderen in ein kurzes Gespräch zu verwickeln, an dessen Ende eine Einladung in sein Haus stand.
Christoffel nannte die Behinderten "die Lieblinge des Heilandes", weil sie am dringendsten Gottes Zuwendung brauchen. Sie waren die Ersten, die Jesu Botschaft gehört und weitergetragen haben. Welch ein Geheimnis: Gott vertraut die Schlüssel des Himmels Blinden, Lahmen, Taubstummen und Armen an.
Liebe Freunde der CBM, ich stehe hier aber auch, um Ihnen ein Dankeschön zu sagen für mich und stellvertretend für alle, die nicht herkommen können. Ihr, die Ihr Eure Spende vom Mund, Kleidern oder Friseur abspart, Ihr habt euer Haus nicht auf Sand gebaut. 37 Millionen Blinde weltweit, unfassbar. Wie kann Gott glücklich sein, wenn er Tag und Nacht dieses Heer von Unglücklichen vor Augen hat? Da hat die CBM noch viel vor sich. Wieder und wieder lese ich, was der Psalmbeter allen Blinden verheißt: "Der Herr macht die Blinden sehend." (Psalm 146,8) Und ich frage mich: alle Blinden? Wann komm´ ich denn dran? Aber ich habe bei Pfarrer Christoffel gelernt, erst kommen die andern dran.
Zum Beispiel die 674.000 Blinden, die allein im vergangenem Jahr durch die Hilfe der CBM wieder sehend wurden. Die das ermöglicht haben, sind unter uns. 674.000 in einem Jahr, 674.000 Mal auch danke an Gott und alle Freunde der CBM. Jesus hat viele geheilt, aber was sind drei Jahre gegenüber von 100 Jahren. Ich habe die Arbeit der CBM immer so verstanden, dass sie das Werk Jesu auf Erden fortsetzt, das man ihm gewaltsam aus der Hand nahm.
Christoffel hat jeden Abend Bratkartoffeln gegessen, um zu sparen. Ich habe den Geruch noch in meiner Nase. Als er gestorben war, waren nur noch umgerechnet 5000 Euro auf dem Heimkonto. Das war im April und Weihnachten war noch weit. Christoffel hat buchstäblich von der Hand in den Mund gelebt. Fünf Brote und zwei Fische, was ist das bei 5000 Menschen, sagen die Jünger zu Jesus und wollen am liebsten alle nach Hause schicken. Und Jesus sagt voll Vertrauen auf Gott: Gebt ihr ihnen zu essen, von dem, was ihr habt. Und dann zeigt er ihnen, wie das geht. Es wird geteilt, was da ist. Darin liegt das ganze Geheimnis der Erfolge der Christoffel-Mission. Es wird geteilt, was die Freunde ihr geben.
Vielleicht hat es ja bei jedem von uns so angefangen: Ich sagte ihm, Gott wenn du mich brauchst, du weißt ja, wo ich bin. Ich helfe dir gern, unentgeltlich. Du hilfst mir doch auch ohne etwas dafür zu wollen. Ich will dir helfen, damit etwas schneller geht mit dem, was du geplant hast für deine Welt. Ich habe gedacht, ich gebe dir in diesem Jahr 300 Euro. Ich hab es für dich gespart. Du kannst es haben. Ich möchte nicht mehr mich allein freuen. Es ist so traurig, sich allein zu freuen. Die Schokolade habe ich weggelassen und den Nachtisch; das Bier sowieso und den Wein nur noch ab und zu. Hier hast du es, für zehn Augenpaare. Vielleicht reicht es auch noch für den Klumpfuß und die kleinen Kinderohren, du weißt schon. Ach ist es schön, die Mutter wieder singen zu hören. -
Amen.





