Festgottesdienst

Jubiläumsrede von Eva Luise Köhler

Eva-Luise Köhler hält eine Rede
© CBM
Liebe Gottesdienstbesucher,
 
der heutige Festgottesdienst feiert das hundertjährige Bestehen der Christoffel-Blindenmission. 100 Jahre sind ein stolzes Jubiläum und wahrlich ein Grund, auf den Weg zurückzublicken, den die Christoffel Blindenmission seit dem Jahr 1908 gegangen ist.
 
Vor heute genau hundert Jahren, am 27. November 1908, entschloss sich Ernst Jakob Christoffel, sein Wirken ganz in den Dienst blinder und benachteiligter Menschen zu stellen. Ernst Jakob Christoffel sah bei seinen Orientreisen um die Jahrhundertwende viel Not und Elend und entschloss sich zu handeln. Sein Motiv war die Nächstenliebe, und seine direkte Hilfe war geprägt vom  Respekt vor den Ärmsten der Armen.

Er entwickelte Methoden, die bis heute Bestand haben, ein Blindenalphabet, integrative Unterrichtsmethoden, und sogar ein eigener "Duftgarten" für blinde Menschen wurde damals von ihm angelegt. Was sein Denken und Handeln bestimmte, zeigen uns folgende Zitate:
Sein persischer Schüler Essad Ullah berichtete:
"Er wollte die Blinden so erziehen, dass sie später ihr  Brot selbst verdienen, auch ihre Arbeit selbst tun können. Ihr dürft die Blinden nicht bedauern. Mitgefühl ja, aber kein Mitleid." 
Und eigene Worte: "Einen Grundsatz habe ich stets abgelehnt und tue es heute noch, nämlich zu forschen, ob der Empfänger der Hilfe wert sei oder nicht. Sooft ich auf diesen Grundsatz stoße, daheim oder draußen, empört sich etwas in mir. Was heißt es, einer Hilfe, einer Unterstützung wert oder unwert sein? Wo wären wir, wenn Gott mit uns nach diesem Grundsatz verfahren würde?"
Von den Anfängen im Orient bis zum heutigen Tag entwickelte sich seine Mission zu einer weltweit angesiedelten Organisation, die mittlerweile über 1000 Hilfsprojekte in 108 Ländern der Welt in vielfältigster Weise unterstützt. Dabei handelt es sich um ein breites Spektrum an medizinischer Hilfe, um Operationen oder um gezielte Förder- und Rehabilitationsmaßnahmen.
 
Und viele Hilfsmaßnahmen wurden von den betroffenen Menschen als kleine Wunder wahrgenommen, als Unterstützung, die ihr Leben oft in vollkommen neue Bahnen und in eine bessere, lebenswertere Zukunft gelenkt hat.
 
Kleine "Wunder" zu ermöglichen, in diesem Zeichen steht der 100-jährige Geburtstag der Christoffel Blindenmission.
 
Ich habe gerne die Schirmherrschaft über das Jubiläumsjahr übernommen und konnte mit verfolgen, auf welche Begeisterung und Unterstützung die Kampagne der 100.000 Wunder in der Bevölkerung gestoßen ist. Es sind nicht nur die großen Zahlen, die mich dabei beeindrucken.
 
Es sind insbesondere die Geschichten dahinter, die individuellen Wunder, die tagtäglich durch die Christoffel-Blindenmission ermöglicht werden. Wenn wir heute Abend nach dem Gottesdienst nach Hause gehen, werden es rund 100 Menschen sein, die irgendwo
auf der Welt in einem Krankenhaus der Christoffel-Blindenmission am Grauen Star operiert werden.
 
Menschen, die zum Teil seit vielen Jahren blind waren, kommen in ein Hospital und gehen oftmals nur einen Tag nach der OP wieder sehend nach Hause. Sie gehen als völlig veränderte Menschen. Mit neuem Lebensmut, mit einer neuen Perspektive, mit Hoffnung.
 
Immer wieder hatte ich in den letzten Jahren die Gelegenheit, Projekte der Christoffel-Blindenmission vor Ort selbst kennenzulernen.
 
So baut in Paraguay die Christoffel-Blindenmission ein landesweites Blindheitsverhütungsprogramm auf - vor allem für Menschen, die sich eine einfache Operation am Auge nicht leisten können.  Ich war beeindruckt von diesem Projekt und von dem großen Engagement der dort tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Ähnlich die Situation in Uganda. Anfang diesen Jahres besuchte ich in Kampala die Augen- und Orthopädieabteilungen des Mengo-Hospitals. Auch dort traf ich auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Christoffel-Blindenmission, die mit viel Herz und Fachwissen bei der Sache sind.
 
Fachärzte und Physiotherapeuten aus verschiedensten Ländern arbeiten hier gemeinsam mit einheimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Oftmals unter einfachsten, aber effektiven Bedingungen - und sie leisten großartige Arbeit.
 
Neben solchen ausgezeichneten Projekten in Asien, Afrika und Lateinamerika imponiert mir ein weiterer, relativ neuer Schwerpunkt der Christoffel-Blindenmission-Arbeit: nämlich, sich als Lobby für Menschen mit Behinderungen zu verstehen und sich für deren Gleichstellung einzusetzen. Denn es ist wichtig, dass behinderte Menschen auf allen
Kontinenten dieser Erde Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und Rehabilitation erhalten, damit sie so selbständig wie möglich leben können.
 
Die Barrieren auf diesem Weg sind oft noch vielfältig: Die größten befinden sich nach wie vor in den Köpfen der Menschen, aber auch sprachliche und bauliche Barrieren
gilt es zu überwinden.
 
Meine Damen und Herren, liebe Gäste, ich möchte nicht versäumen, heute all den Helferinnen und Helfern auf Deutschlands Straßen und Fußgängerzonen zu danken, die 100 Jahre Christoffel-Blindenmission im Rahmen einer großen Tournee durch 100 Städte zwischen Kiel und Friedrichshafen ermöglicht haben.
 
Viele von diesen Menschen sind heute unter uns. Sie haben mit Ihrem Engagement dazu beigetragen, auf die Probleme von blinden und behinderten Menschen aufmerksam zu machen.
 
Ich freue mich, dass diese Aktion ein solch großer Erfolg wurde.
 
Einen herzlichen Dank insbesondere Ihnen, den vielen Spenderinnen und Spendern, die eine Erfolgsgeschichte wie die der Christoffel-Blindenmission durch Ihre finanzielle Unterstützung überhaupt erst möglich gemacht haben.
 
Als vor 100 Jahren Pastor Ernst Jakob Christoffel in den Orient ging, um Blinden, Tauben und Waisen zu helfen, war seine Motivation die Nächstenliebe. Solidarität aus Nächstenliebe ist bis heute das Leitmotiv der Christoffel-Blindenmission.
 
Ich wünsche am heutigen Tag allen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen Unterstützerinnen und Unterstützern in diesem Sinne viel Mut, Kraft und Ausdauer für die vor Ihnen liegenden Aufgaben.
 
Gemeinsam werden Sie noch viel erreichen, mit Gottes Hilfe, davon bin ich überzeugt.
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