Ernst Jakob Christoffel (1876 bis 1955)

Lebensstationen

Familienfoto mit sechs Männern und vier Frauen.
Im Kreis seiner Familie: Ernst Christoffel (hinten, 2. von links).
Foto (um 1900): CBM-Archiv
4. September 1876
E. J. Christoffel wird in Rheydt (heute Stadtteil von Mönchengladbach) im Rheinland geboren; seine Mutter Christine Maria geb. Cremers wird nur 54 Jahre alt; sein Vater Louis ist Klempnermeister; Christoffel wächst mit vier Schwestern und vier Brüdern auf; die Familie findet in der Erweckungsbewegung, die sich von Wuppertal aus verbreitete, ihre geistliche Heimat.

vor 1898
Ernst Jakob besucht ein Lehrerseminar in seiner rheinischen Heimat; seine Militärzeit absolviert er in Potsdam; im "Rettungshaus" (dem späteren Johannesstift) in Schildesche (Bielefeld) und Neukirchen bei Moers arbeitet er als Erziehungshelfer.

März 1900
Christoffel wird, nachdem er ab Herbst 1898 eine Vorschule besucht hatte, Student der Ev. Predigerschule in Basel.

1904
Er beendet an Ostern seine Ausbildung; nach kurzer Tätigkeit als "Hauslehrer in einer Züricher Patrizierfamilie" geht Christoffel zusammen mit seiner jüngsten Schwester, der vier Jahre jüngeren Hedwig, im September für das "Schweizerische Hilfskomitee für Armenien" nach Siwas in Kleinasien (heute: Türkei), um dort zwei Waisenhäuser zu leiten, die jedoch innerhalb von drei Jahren geschlossen werden sollen; hier in Siwas wird er mit der "Not der Blinden des Orients" konfrontiert.

Porträt eines jungen Mannes und einer jungen Frau, die nebeneinander sitzen.
Im Gründungsjahr 1908: Christoffel und seine Schwester Hedwig.
Foto: CBM-Archiv
Frühjahr 1908
Nach Rückkehr in seine Heimatstadt Rheydt kommt Christoffel zu der Überzeugung, dass es seine Berufung ist, sich in den Dienst blinder Menschen zu stellen. Er und seine Schwester Hedwig bauen einen Freundeskreis in Deutschland, der Schweiz und Holland auf, der ihre künftige Arbeit unterstützen will; Christoffel absolviert einen Kurs bei dem Leiter einer Blindenanstalt in Zürich.

27.11.1908
Ordination in Basel; danach reist Christoffel mit seiner Schwester nach Kleinasien aus; rechtzeitig zu Weihnachten ist man im alten Heim in Siwas, wo das Fest mit den Waisenkindern gefeiert wird.

Erste Januarhälfte 1909
Ankunft in Malatia (in der heutigen Osttürkei), dem Reiseziel; in dem gemieteten Haus zählt die Heimfamilie nach wenigen Wochen bereits fast sechzig Personen, darunter blinde und körperbehinderte Menschen und Waisenkinder. Später kann ein größeres Grundstück mit Gebäude gekauft werden, neue Mitbewohner und weitere Mitarbeiter kommen hinzu; Christoffel macht mehrere Reisen durch das Land.

1914
Christoffel reist nach Deutschland. Er hat Pläne für weitere Projekte und möchte dafür die Hilfe seiner Missionsfreunde in Europa erbitten; doch während der Reise erreicht ihn in Beirut die Nachricht vom Kriegsausbruch; in Deutschland wird er als Militärpfarrer und Lazarettseelsorger eingesetzt.

Ende 1915
Die Armenierpogrome veranlassen Christoffel, beim Kriegsministerium die Ausreiseerlaubnis in die Türkei zu erbitten.

Ende Januar 1916
Er reist mit dem Balkanzug nach Konstantinopel, dort muss er vier Wochen warten und erhält dann ein Empfehlungsschreiben des türkischen Kriegsministers, mit dem er weiterreisen kann. Das Haus in Malatia steht noch, aber mehr als die Hälfte der Bewohner ist durch die Armenierverfolgungen ums Leben gekommen.

Porträt einer jungen Frau.
Hildegard Schuler: Seine junge Nichte kommt 1917 nach Malatia. Sie stirbt (1918) an einer Blutvergiftung.
Foto: CBM-Archiv
Herbst 1918
Christoffels Nichte Hildegard Schuler, die im Sommer 1917 nach Malatia gekommen war, um ihrem Onkel zu helfen, stirbt an einer Blutvergiftung.

Februar 1919
Nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands werden alle Deutschen aus der Türkei ausgewiesen. Auch Christoffel erhält einen Ausweisungsbefehl und reist nach Siwas, wo er versucht, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken, die er jedoch nicht erhält; er reist nach Samsun und von dort weiter in einem überfüllten türkischen Frachtdampfer nach Konstantinopel; er entkommt nur knapp einer Internierung; am 27. Juni 1919 betritt er in Bremerhaven mit seiner kurdischen Pflegetochter Liesel heimatlichen Boden; seine beiden armenischen Pflegesöhne Otto und Heinz musste er in der Türkei zurücklassen.

1920
Eine schwere Malaria wirft Christoffel darnieder; in der Schweiz kann er genesen und sich erholen; dort besucht er auch Freundeskreise; in einem Werk Bodelschwinghs ("Hoffnungstal") bei Berlin findet er eine Anstellung, hilft als Geistlicher mit und leitet eine Baracke, in der "gescheiterte Existenzen" leben.

um 1922
Christoffel widmet sich wieder mehr dem Vortragsdienst.

1924
Durch geänderte politische Verhältnisse in der Türkei wird es Christoffel möglich, wieder auszureisen. In Konstantinopel will er, da er nicht nach Malatia weiterreisen darf, eine neue Blindenarbeit beginnen, für die er eine Erlaubnis erhält, die dann aber nach einer Kabinettsneubildung zurückgezogen wird. Christoffel sieht nach fünf Jahren der Trennung seinen Pflegesohn Otto wieder.

November 1925
Christoffel reist nach Persien, als klar wird, dass er keine Möglichkeit hat, die Arbeit in Malatia wiederaufzunehmen. In Täbris, der Hauptstadt der Provinz Aserbaidschan, macht er Station – und baut ein neues Heim für Blinde und Waisenkinder auf. Christoffels Traum ist es jedoch, auch weiter im Inneren des Landes tätig zu werden.

1927/28
Er reist im Winter nach Deutschland, um dort Unterstützung für seine neuen Pläne zu gewinnen.

Eine Gruppe von 36 Kindern und Erwachsenen vor einem zweistöckigen Gebäude.
Die Heimfamilie: Isfahan im Jahr 1932.
Foto: CBM-Archiv
1928
Christoffel reist mit seinem Mitarbeiter Ludwig Melzl nach Isfahan. Dort fangen sie sofort an, intensiv persisch zu lernen und führen Blindenspeisungen durch; später nimmt Christoffel blinde, körperbehinderte und erstmals gehörlose Kinder in seine Obhut. Auch einigen Kinder, die vorher auf der Straße lebten, bietet er ein Zuhause. Christoffel entwickelt die persische Braille-Schrift. Die Kinder und Jugendlichen werden umfassend unterrichtet: Neben Lesen und Schreiben stehen auch Gesang, Sport und handwerkliche Fertigkeiten auf dem Lernprogramm; am 1. Mai 1933 zieht man aus dem in der Stadt gelegenen Gebäude in ein geräumigeres außerhalb der Stadt.

1933
Christoffel reist auf Bitten seines Mitarbeiterkreises nach Deutschland; hier hält er Gottesdienste und Vorträge über seine Arbeit.

1934
Im Sommer kehrt Christoffel nach Isfahan zurück.

1937
Christoffel besucht das Heim in Täbris, das tausend Kilometer von Isfahan entfernt liegt.

1940
Einige deutsche Mitarbeiter verlassen Täbris. Die Arbeit dort geht weiter unter der Leitung der mutigen Hanni Harms - bis zu ihrer Verschleppung durch Russen im Jahr 1941, was das Ende des Blindenheims bedeutet; Christoffel kann vorläufig weiter in Isfahan tätig sein.

30./31.08.1943
Verhaftung Christoffels durch die Engländer; er wird für drei Jahre interniert und durchläuft in den kommenden Jahren acht Lager im Iran, im Irak, in Ägypten und Deutschland.

5. Juni 1946
Entlassung aus dem Gefangenenlager Neuengamme bei Hamburg; Christoffel besitzt nur noch das, was er auf dem Leib trägt; er lebt zunächst bei seiner Schwester in Bad Sachsa, wo er noch eineinhalb Jahre auf Veranlassung der britischen Besatzungsbehörde unter Polizeiaufsicht steht und die Stadt nicht verlassen darf.

1. Oktober 1947
Der nun 71-jährige Christoffel hat wieder volle Bewegungsfreiheit; ob er in den Orient zurück kann, ist zu diesem Zeitpunkt ungewiß; Christoffel und seine Mitarbeiter erkennen die Not der während des Krieges erblindeten Menschen und planen ein Blindenheim in Deutschland.

22. Mai 1949
Christoffel legt den Grundstein des Blindenheims in Nümbrecht, das am 1. August 1951 eröffnet wird.

20. Oktober 1950
Die bereits 1948 begonnenen Bemühungen haben endlich Erfolg: Christoffel erhält eine Ausreiseerlaubnis.

Ein Junge sitzt an einer Grabplatte und betastet mit beiden Händen die Inschrift.
Sein Grab in Isfahan: "Vater der Blinden, Niemandskinder, Krüppel und Taubstummen".
Foto: CBM-Archiv
16. Januar 1951
Christoffel ist wieder im Iran und fängt nochmals von vorne an; im April mietet er ein Haus und gründet ein Blindenheim.

3. September 1954
Bundespräsident Theodor Heuss verleiht Christoffel – in dessen Abwesenheit - als Anerkennung für seine Verdienste um das Blindenwesen das Bundesverdienstkreuz. Christoffel ist der erste deutsche evangelische Missionar, der mit dieser Auszeichnung geehrt wird; am 4. Januar 1955 wird ihm in Isfahan der Orden durch einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft überreicht.

23. April 1955
Nach kurzer Krankheit stirbt Ernst Jakob Christoffel in Isfahan und wird am folgenden Tag nach einer Trauerfeier in der persischen christlichen Kirche auf dem armenischen Friedhof beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht in deutscher, armenischer und persischer Sprache:

"Hier ruht im Frieden Gottes Pastor Ernst Jakob Christoffel, der Vater der Blinden, Niemandskinder, Krüppel und Taubstummen nach über 50-jähriger Missionsarbeit in Siwas, Malatia, Täbris und Isfahan."
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