Alex ertastet seine Welt

Die Fundal-Schule für taubblinde Menschen

Ein blinder Junge tastet sich an einer Schaufensterfront entlang
Alex ist taubblind: Mit Hilfe des Taststocks hat er gelernt, manche Wege alleine zu bewältigen.
© CBM / Grossmann
Der Weg führt ihn über den kleinen Hügel hinauf, am Geländer entlang, nun muss er das Tor öffnen und schließen – dann sind es noch zehn Schritte. Wenn Alex Bonilla zur Schule geht, wählt er meist den längeren Weg. Der 15-Jährige gehört dort zu den Großen, möchte selbstständig sein, wo immer es möglich ist. Doch auch wenn er sich allein an der Wand entlangtastet, ist seine Betreuerin Claudia stets neben ihm, denn Alex ist taubblind. Dass Alex eine Schule für Taubblinde besuchen darf, ist nicht selbstverständlich, denn er hatte denkbar schlechte Startchancen.
Schwerbehindert und ausgegrenzt
Als Alex vier Jahre alt war, wurde er in einem Karton auf der Toilette einer Busstation in Mazatenango, einer Provinzstadt in der Nähe der Pazifikküste Guatemalas, ausgesetzt. Bereits damals war er taub und hatte nur einen winzigen Sehrest. Man brachte ihn ins Waisenhaus nach Guatemala-Stadt und suchte eine Patin, die seinen Unterhalt finanzieren würde. Hier trafen sich Alex und Helen de Bonilla zum ersten Mal.
Die ehemalige Grundschullehrerin Helen war damals 44 Jahre alt und hatte fünf Kinder großgezogen. Als diese nach und nach heirateten oder zum Studieren fortzogen, suchte die wohlhabende Frau eines Bauunternehmers 1996 nach einer neuen Aufgabe. Sie erfuhr vom taubblinden Alex und besuchte ihn im Waisenhaus. "Ich habe mich in den kleinen Fratz mit dem süßen schwarzen Haarschopf sofort verliebt! Und ich wusste von Anfang an, dass ich nicht seine Patin, sondern seine Mutter sein wollte", so Helen de Bonilla.
Der taubblinde Alex wird zu einer Treppe geführt
Schwieriges Gelände: Eine Mitarbeiterin der Schule begleitet Alex auf verwinkelten Wegen.
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Alex bekommt eine Familie
So kam Alex zur Familie Bonilla. Nach drei Monaten wollte Helen den Zeitraum verlängern, den das Kind bei ihr leben sollte, doch das Waisenhaus schlug ihr diesen Wunsch ab, da es zu hart und schmerzlich für den Jungen würde, wenn sie ihn nach einer längeren Zeit zurückbrächte. Sie sollte sich daher jetzt entscheiden, ob sie ihn ganz bei sich aufnehmen wolle oder nicht. Der Familienrat war also gefragt. Helens Mann und die Mehrzahl ihrer Kinder stimmten sofort zu. Die älteste Tochter, die mit ihrem ersten Baby schwanger war, wollte die Zusicherung, dass dem Enkelkind dadurch nichts verlorenginge. Helen entgegnete ihr: "Liebe wird nicht kleiner, wenn sie sich verschwendet, sondern wächst." Daraufhin war die Tochter einverstanden und die Familie adoptierte Alex.
Die erste Schule für taubblinde Kinder
Da Helen keine Erfahrung im Umgang mit einem behinderten Kind hatte, nahm sie mit ihrem Mann an einem Kursus teil und beide erkannten, dass ein Kind mit dieser Behinderung viel lernen kann. Sie bauten ihr altes Lagerhaus um und begannen 1998 mit der Therapie. Kurze Zeit später kam ein Anruf aus dem Waisenhaus. Dort hatten sich Eltern gemeldet, die auch ein taubblindes Kind hatten und verzweifelt Hilfe suchten. So waren es schon zwei. Von Freunden erfuhr Helen de Bonilla vom CBM-Regionalbüro in Quito/Ekuador, trat mit ihm in Kontakt und wurde prompt unterstützt. "Die CBM gab uns Hoffnung und eine Vision. Wir fühlten uns stark, weil die CBM stark ist. Sie vertraute unseren kleinen Schritten und hatte einen Plan, wie wir unsere Ideen umsetzen konnten", so Helen. Ein Jahr nach der Adoption gründete sie die "Fundacion Alex" für taubblinde und mehrfachbehinderte Kinder und deren Familien.
Seither hat sich auf dem Grundstück der Bonillas auf einem Hügel am Rand der Hauptstadt viel verändert. Aus dem alten Lagerhaus ist ein Büro geworden, weitere vier Therapiegebäude stehen im einstigen Garten der Familie und beherbergen die erste Schule für taubblinde und mehrfachbehinderte Kinder in Guatemala.
Ein Junge kommuniziert mit seiner Mutter über Hautkontakt
Besondere Kommunikation: Helen de Bonilla (rechts) und Alex unterhalten sich mit den Händen.
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Taubblinde werden gezielt gefördert
30 zum Teil schwerbehinderte Kinder und neun Lehrer sind nun montags bis freitags eifrig bei Therapie und im Unterricht auf dem Gelände anzutreffen. In fünf Klassen werden die Kinder von der Vorschule bis zum Berufstraining nach Alter, Behinderung und ihren Fähigkeiten gefördert und gefordert. "Eine Schule für Taubblinde muss angenehm, ermutigend und herausfordernd sein," erklärt die Psychologin mit Spezialausbildung für Taubblinde, Diana Bonilla.
Die 22-Jährige ist die jüngste Tochter Helens und die erzieherische Leiterin der Einrichtung. "Die beiden Fernsinne Hören und Sehen fehlen vielen Kindern hier fast völlig", so Diana Bonilla: "Wir versuchen, das Restseh- oder Hörvermögen zu nutzen. Mit verschiedenen Spielen, Materialien und Reizen möchten wir die Schüler stimulieren, ihre vorhandenen Sinne optimal zu entwickeln."

In Guatemala leben etwa 2.000 taubblinde Kinder und Helen will möglichst vielen von ihnen helfen. Hierfür benötigt sie finanzielle Unterstützung. Um besser erreichbar zu sein, hofft sie, bald ins Stadtzentrum umziehen zu können. Damit auch Kinder Hilfe erfahren, die nicht in der Hauptstadt leben, gibt es mittlerweile Ableger der Fundal-Schule für mehrfachbehinderte Kinder. So ist in Quetzaltenango, der zweitgrößten Stadt Guatemalas, 2002 eine weitere Schule entstanden, die von 30 Schülern besucht wird. Im Februar 2008 wurde in Huehuetenango eine neue Klasse mit vier Schülern aufgemacht.
Während sich viele Kinder in Fundal und den neuen Schulen in Gebärdensprache ausdrücken können, gehört Alex zu denjenigen, denen diese Art der Kommunikation verwehrt bleibt, denn sein kleiner Sehrest ging nach einer schweren Augeninfektion verloren. Was er nicht über den Hautkontakt, den Geschmacks- oder Geruchssinn erfahren kann, existiert für ihn nicht.
Wünsche, Bitten, Neugier oder Zuneigung drücken er, seine Lehrer und seine Familie mit den Händen aus, malen es sich gegenseitig buchstäblich auf die Haut. Das funktioniert meistens und Alex genießt das Leben, wie es ist. Was sie von Alex gelernt hat? Helen lächelt: "So viel mehr, als ich ihn lehren konnte! Zum Beispiel, dass es mehr als genug ist, jeden Tag intensiv zu leben. Und dass jeder Mensch ein wundervolles Geschenk aus Gottes Hand ist!"
Ein blinder lächelnder Junge
© CBM / Grossmann
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5 Blindenlangstöcke kosten nur ca. 18 Euro.
Der Monatslohn einer Halbtagslehrkraft der Fundal-Schule beträgt etwa 160 Euro.
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