Was würde der Gründer heute sagen?

Interview mit Ernst J. Christoffel im Jahr 2007

Porträt von Ernst Jakob Christoffel.
Ernst Christoffel: Was würde er heute sagen?
Foto: CBM-Archiv
Sabine Thüne, die eine umfangreiche Dokumentation über Ernst Jakob Christoffels Leben und Wirken zusammengestellt und herausgegeben hat, formulierte einige davon - und dachte sich auch gleich Antworten dazu aus, wie sie Christoffel gegeben haben könnte.

Dabei ist ein interessantes Interview herausgekommen. Lehnen Sie sich bequem zurück, wenn möglich, und lassen Sie sich in eine fiktive Welt versetzen. Hier das Gespräch mit Christoffel, der vor über 130 Jahren geboren ist, lesen Sie selbst:

CBM: Herr Christoffel, Ihr Weg führte Sie aus dem beschaulichen Rheydt im Rheinland weit hinaus in die Türkei und in den Iran. Sie schwebten mehr als einmal in Lebensgefahr. Waren Sie ein Abenteurer?

Christoffel: Zum Abenteurer hatte ich keine Veranlagung. Mutwillig habe ich mich nicht in Gefahr begeben. Doch mein Einsatz für die Blinden des Orients brachte es mit sich, dass ich stets unter Bedrohung leben musste. Während der Christenverfolgungen, kurz nach meiner Ankunft 1909 in der Türkei, stand auch mein Name und die Namen anderer christlicher Missionare auf der Abschussliste.

Nur durch die Hilfe türkischer Freunde konnte das Schlimmste verhindert werden. Nach wenigen Jahren der Ruhe zerstörte zweimal ein Weltkrieg meine Arbeit mit den Blinden. Zweimal musste ich von vorne anfangen. Sie sehen, an Sorgen und Rückschlägen hat es mir nicht gefehlt. Auf die Idee, endgültig aufzugeben, bin ich allerdings nie gekommen.

CBM: Sie begannen Ihre Tätigkeit mitten unter Armeniern und für Armenier. Heute kennt man Sie vor allem als Gründer von Heimen für Blinde und anders Behinderte. Wie kommt das?

Christoffel: Der Leiter der Schweizerischen Armenierhilfe bat mich 1904, in Siwas in der Türkei zwei Heime für armenische Waisenkinder zu übernehmen. Dort lernte ich eine Menschengruppe kennen, von deren Leid ich bis dahin keine Ahnung hatte: die Blinden. Niemand kümmerte sich um sie. Mir wurde klar: hier ist ein Auftrag, den Gott gerade mir gegeben hat. So gingen meine Schwester Hedwig und ich 1908 erneut in den Orient.

Die Heime in Malatia, Täbris und Isfahan, die ich gründete, galten vor allem den Blinden. Da meine Mitarbeiter und ich aber keinen Hilfsbedürftigen vor unseren Türen abweisen wollten, gewannen unsere Häuser bald ein buntes Aussehen: Blinde, körperlich und geistig Behinderte, Straßenkinder, Gehörlose, Bettler und Flüchtlinge kamen zu uns.

Mann mit einem Kind auf dem Arm
Foto: CBM-Archiv
CBM: Sie beherbergten Behinderte, verständigten sich mit ihnen, unterrichteten sie. Wie erwarben Sie Ihre Fachkenntnisse?

Christoffel: Natürlich hatte ich mich in einer Blindeneinrichtung auf diese Aufgabe vorbereitet. Aber das Zauberwort hieß für mich stets: Weiterbildung. Einige sehr sprachbegabte einheimische Mitarbeiter halfen mir dabei. Zunächst lernte ich Türkisch und Armenisch. Im Iran kamen Persisch, der armenische Ararat-Dialekt und Aserbaidschanisch hinzu.

Und dann wollte ich ja auch die Blindenschrift und das Unterrichtsmaterial in diesen Sprachen entwickeln und ständig aktualisieren. Da war lebenslanges Lernen angesagt. Als ich das Heim in Täbris aufbaute, war ich schon über fünfzig. Kein Mensch kam auf die Idee, uns, die wir in den besten Jahren waren, unseres Alters wegen in den Ruhestand zu schicken. Auf die Kenntnisse und den Elan gestandener Persönlichkeiten mochte damals niemand verzichten.

CBM: Ein Abenteurer waren Sie also nicht. Aber ein Einzelgänger waren sie doch wohl?

Christoffel: Verheiratet war ich nicht, falls Sie das meinen. Allein war ich dennoch nie. Ich hatte wunderbare Mitarbeiter an meiner Seite, einheimische und deutsche. Der Freundeskreis in Deutschland und in anderen Ländern unterstützte meine Heime, oft unter großen Opfern. Ohne die Hilfe von vielen Seiten hätte ich nicht durchhalten können.

CBM: Können Sie in der Christoffel-Blindenmission Ihre Mission wiedererkennen?

Christoffel: Auf den ersten Blick nicht. Bedenken Sie, unter welch armseligen Umständen wir jahrelang unsere Heime aufrechterhalten mussten: Ich nenne nur einige Stichworte: Der Erste Weltkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, der Zweite Weltkrieg, das bombenzerstörte Nachkriegsdeutschland.

Sie hätten mich mal sehen sollen, wie abgerissen ich 1946 aus dem Internierungslager Neuengamme entlassen wurde: Ich hatte nur noch Lumpen am Leib. Eine mitleidige Seele schenkte mir Schuhe. Das war gut so, denn die ich an den Füßen trug, hätten keinen Tag länger durchgehalten. Mein Adoptivsohn Otto sammelte emsig Altpapier und ermöglichte mir auf diese Weise, hin und wieder Briefe an den Freundeskreis zu schreiben.

Dann der bescheidene Neuanfang 1951 in Isfahan. Schwedische Freunde hatten die Fahrkarten spendiert, sonst wäre aus der Reise nichts geworden. Von dieser Ärmlichkeit ist die heute in vielen Ländern der Welt tätige Blindenmission weit entfernt.

CBM: Und auf den zweiten Blick?

Christoffel: Die Christoffel-Blindenmission hat es sich zur Aufgabe gemacht, augenkranken, blinden und anders behinderten Notleidenden in Ländern der "Dritten Welt" zu helfen, ohne Ansehen von Nationalität, Geschlecht oder Religion. So lese ich hier in einem der Informationshefte. Da erkenne ich meine Blindenmission wieder! In meine Heime kamen Hilfsbedürftige verschiedener Religionen und der unterschiedlichsten Nationalitäten: Türken, Armenier, Russen, Perser, Kurden und andere. Wir haben stets ihre nationale Herkunft und ihre religiöse Überzeugung geachtet.

CBM: Freut Sie etwas besonders an der heutigen Blindenmission?

Christoffel: Ich bin nicht nur unheilbar Blinden, sondern auch vielen Augenkranken begegnet, Menschen, die an Grauem Star litten, an Trachom oder an einer der vielen im Orient grassierenden Augenleiden. Es hat mich immer sehr bedrückt, dass ich da so wenig helfen konnte. Wie gern hätte ich Augenkrankenhäuser und Augenärzte finanziert.

Doch dazu fehlten die Mittel und die medizinischen Möglichkeiten. Dass die Fachmission, die meinen Namen trägt und nach meinen Grundsätzen arbeitet, Blindheitsverhütung, Blindenheilung und Ausbildung einheimischer Fachleute als ihre wichtigste Aufgabe ansieht, das freut mich wirklich sehr. Aber auch das Engagement für die Verhütung von Gehörlosigkeit und die Rehabilitation Hörgeschädigter, Körperbehinderter, geistig Behinderter und von Menschen mit psychischen Erkrankungen finde ich einfach überwältigend.

Das hätte ich mit meinen paar Mitstreitern nicht leisten können! Ich kann nur sagen: macht weiter so!