Information zum 15. Februar 2011

"Die Solidarität der Menschen war riesig!"

Interview mit Ruth Tadres zur Lage in Ägypten

Drei Kinder
Drei der rund dreißig SchülerInnen der Blindenschule in El Minia, die meisten sind Bauernkinder. Nicht wenige unter ihnen sind als einzige ihrer Familie des Lesens und Schreibens mächtig – das verleiht Selbstvertrauen!
© Ruth Tadres/CBM
© CBM
Zwei Männer
Der Mann rechts ist als Erwachsener erblindet und in tiefste Depression gefallen. Heute hat er neu Freude am Leben gefunden und verfasst Gedichte.
© Ruth Tadres/CBM
Die Schweizerin Ruth Tadres leitet zusammen mit ihrem ägyptischen Ehemann Ashraf eine Blindenschriftdruckerei in Kairo und ein Programm zur gemeindenahen Rehabilitation blinder Kinder und Erwachsener in El Minia. Seit 15 Jahren leben die Eltern dreier Kinder in Kairo.

Durch ihre Arbeit für blinde und behinderte Menschen haben sie viel Kontakt zur ärmsten Bevölkerungsschicht. Stefan Leu, CBM Schweiz, interviewte Ruth Tadres zur Situation im Land. Wir geben das Gespräch hier in gekürzter Form wieder.
Welche Erlebnisse haben Sie in den vergangenen Wochen besonders bewegt?
 
"Wie friedlich die Revolution abgelaufen ist, finde ich einfach umwerfend und hat mich sehr bewegt. Als Zweites beeindruckt mich stets von neuem, wie die blinden Kinder an unserer Schule aufblühen und als Kinder voller Hoffnung und Freude aufwachsen. Tief berührt hat mich zudem, als am 7. Januar Muslime von Alexandria die koptische Neujahrsmesse besuchten. Dies aus Solidarität mit den Hinterbliebenen des Bombenanschlags auf die Kirche Tage zuvor."
 
Welchen Wandel wünschen die Menschen in Ägypten?
 
Die Unterschicht kämpft ums tägliche Essen und hat an der friedlichen Revolution nicht aktiv teilnehmen können. Sie ersehnt sich jedenfalls tiefere Grundnahrungsmittelpreise ... Die Mittelschicht und die gebildete Jugend erhofft sich ein Ende staatlicher Unterdrückung und Kontrolle, in Freiheit zu leben, berufliche Perspektiven, bessere Schulen sowie ein Land, in dem Religion Privatsache ist.  Entsprechend hoffen die Christen, als gleichwertige Bürger ein normales Leben führen zu können.
 
Wie haben Sie die friedliche Revolution erlebt?
 
"Der Schlüsseltag des Protests war zugleich der erste, der 18. Januar: Obwohl die Regierung vorausgeschickt hatte hart durchzugreifen, durften die rund zehntausend über Facebook mobilisierten, gut ausgebildeten Jungen unbehelligt demonstrieren ... Bis zum Freitag nahm der Alltag in Ägypten seinen gewohnten Gang.
 
Völlig zum Erliegen kam das Leben in der Woche ab erstem Protestfreitag, dem 21. Januar, als der Tahirplatz sich füllte. Internet- und Handynetz wurden gekappt, die Polizei zog aus Kairo ab und ließ Waffen zurück, Straftäter verließen die Gefängnisse ... Völlige Unsicherheit herrschte und auch unsere Mitarbeitenden blieben zu Hause. In unserem Quartier wie überall standen Menschen zusammen, die sich zuvor völlig fremd waren, und bildeten Bürgerwehren.
 
Die Solidarität der Menschen untereinander war riesig: Wir sind alle Ägypter, egal welcher Religion oder Schicht! Auch mein Mann und mein Sohn begaben sich auf die nächtlichen Patrouillen. Ende der ersten Woche flog ich gemeinsam mit einem Praktikanten und unseren Kindern in die Schweiz.
In der letzten Woche baute die Armee überall Präsenz auf und gewährleistete die Sicherheit. Internet – und Handynetz funktionierten wieder, Banken und Läden öffneten, und auch wir konnten die Arbeit wieder aufnehmen. Am dritten Protestfreitag, dem 11. Februar, trat Präsident Mubarak zurück, und seitdem – erstmals seit vielen Jahren - glauben die Menschen an die Zukunft!"
 
Wie geht es den Armen?
 
"Den Kampf ums tägliche Brot gewinnen sie oft nicht mehr. Viele von ihnen finden seit der friedlichen Revolution kaum Arbeit. Das spärliche Einkommen ist weggebrochen, Vorräte besitzen sie nicht. Familien mit behinderten Angehörigen gehören unter den Armen zu den ärmsten."
 
Die Medien erwähnen die Wohlfahrtsinstitutionen der Muslimbrüder. Kennt Ihre Arbeit Berührungspunkte?
 
"Kaum. Die Hilfe der Muslimbrüder widmet sich ausschließlich Muslimen. Eine christliche Arbeit, wie auch die unsrige, hilft den ärmsten Bevölkerungsschichten unabhängig von Bekenntnissen." 
 
Was erhofft Ihr Hilfsprojekt vom Wandel?
 
"Dass die gängelnde und aufgeblähte staatliche Bürokratie abnimmt. Bislang müssen wir, um zum Beispiel einen neuen Drucker beschaffen zu können, während zweier oder mehr Tage behördliche Erlaubnis und Unterschriften besorgen ... Besonders hoffen wir, dass die nun allseits aufgeblühte Solidarität auch zu den Menschen mit Behinderung fließt.  Ferner ersehnen wir Reformen im Schulsystem."
 
Wie ist die Lage der Menschen mit Behinderung in Ägypten?
 
"Behinderung wird oft als Strafe Gottes angesehen. Die Familie schämt sich und verbirgt das behinderte Kind. So hat die Behörde in El Minia vor zwölf Jahren überzeugt geantwortet, in ihrer Region gebe es keine blinden Kinder. Bis wir sie in der Folge suchten, auffanden und daraufhin unsere Blindenschule eröffnen konnten.Ein blinder Schüler erzählte: „Mein Vater kann nicht glauben, dass aus mir etwas wird.“ Dass behinderte Kinder auch von ihren Eltern für dumm und leistungsschwach gehalten werden, ist besonders tragisch. Hingegen beweisen unsere SchülerInnen täglich ihr großes Potential an Talenten, Willen und Lebensfreude!"
 
Liebe Ruth Tadres, herzlichen Dank für das Interview!
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