Indonesien

Blind durch Armut

von Uta Depner

Das von der CBM unterstützte "Community Eye and Sport Health Service Center"(BKMOM) in Samarinda im Osten Borneos. © Uta Depner
Während in Deutschland die Kataraktoperation der am häufigsten durchgeführte operative Eingriff am Auge darstellt und sich zudem durch eine hohe Erfolgsquote auszeichnet, erblinden Menschen in Indonesien am Grauen Star. Ein Team von Ärzten macht sich regelmäßig auf den Weg in das Innere Borneo, um mittellose Menschen kostenlos zu behandeln. 
Chirurg bei einer Augenoperation
Dr. Arie beim Operieren eines Auges.
© Uta Depner
Mehr Operationen mit dem Qualitätsmikroskop
Aus dem Lautsprecher tönt Nirvana. Musikalische Untermalung im Operationssaal des Community Eye and Sport Health Service Center (BKMOM) in Samarinda im Osten Borneos. Auf dem an der Decke angebrachten Bildschirm ist überdimensional das Auge der Patientin zu beobachten. Hin und wieder wirft Dr. Arie einen Blick auf den Monitor. Zwei Operationstische stehen in dem Raum. Eines der beiden Mikroskope ist von der Christoffel-Blindenmission (CBM) finanziert, das andere von der Regierung. „Das Mikroskop von der CBM ist qualitativ besser. Deswegen kann ich die Operationen hier schneller durchführen,“ erklärt er, bevor er sich wieder über die Patientin beugt. Dann zieht er vorsichtig die Linse heraus. Da liegt sie nun, bernsteinfarben und fingernagelgroß, auf dem Operationstuch.
Eine Krankenschwester betäubt mit einer Spritze das Auge einer liegenden Patientin
Eine 60-jährige Patientin mit Grauem Star wird auf die Operation vorbereitet.
© Uta Depner
Katarakt-OP in nur 10 Minuten durchgeführt
Frau Tumirah ist als Nächste dran. Die 60-Jährige leidet seit drei Jahren am Grauen Star und lässt gerade eine örtliche Betäubung über sich ergehen. Sie ist sichtlich angespannt und ihre Hand verkrampft in dem Moment, als die Spritze neben dem Augapfel eingeführt wird. Dann bringt sie die Krankenschwester in den Operationsraum. Auf dem Operationstisch bleibt nur das erkrankte Auge unbedeckt, der Rest ihres Körpers verschwindet unter dem blauen Tuch. Nach nur gut 10 Minuten ist alles vorbei, die Linse ersetzt. Mit verbundenem Auge verlässt Frau Tumirah, begleitet von einer Schwester, den Raum.

CBM sorgt für Augenärzte-Nachwuchs
Hier im BKMOM werden etwa 500 solcher Eingriffe pro Jahr vorgenommen, das sind wöchentlich 10-15 Operationen, immer freitags. Doch damit werden die Ärzte dem Bedarf in Ost-Kalimantan nicht gerecht. Das können sie gar nicht. Sind in diesem Landesteil zwölf Augenärzte tätig, so entspricht das bei einer Einwohnerzahl von knapp 3,5 Millionen Menschen nicht der von der WHO für Asien empfohlenen Quote von 1:100 000. Bis zum Jahr 2020 soll diese sogar auf 1:50.000 erhöht werden. Zudem ist der Großteil davon in den Städten niedergelassen, dementsprechend mangelt es in den ländlichen Gebieten an Fachärzten.
Dies ist kennzeichnend für die medizinische Infrastruktur in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern. Und wo der Staat nicht ausreichend Vorsorge trifft, greifen NGOs, in diesem Fall ist es die Christoffel-Blindenmission (CBM), die unter anderem in Ausbildungen investiert: „Wir möchten dem Problem der schlechten Verteilung entgegenwirken. Deshalb suchen wir gezielt nicht in Städten wie Jakarta, sondern in ländlichen Gebieten nach Nachwuchs. Wir bezahlen ihre Ausbildung, dafür vereinbaren wir, dass sie in benachteiligten Gegenden arbeiten, wenn sie fertig sind. Das funktioniert, denn die meisten sind mit dem Herzen dabei,“ erzählt Dr. Andrew Mohanraj, Landesbeauftragter der CBM für Indonesien.
Ein Mann untersucht ein Gerät
Herr Maksums Ausbildung zum Medizintechniker wurde von der CBM ermöglicht. Er wartet Operationsmikroskope und Untersuchungsgeräte.
© Uta Depner
Auch Herrn Maksums 6-wöchige Ausbildung zum Medizintechniker wurde übernommen. Zweimal im Jahr wartet er die Operationsmikroskope und Untersuchungsgeräte wie die Tonometer, mit denen der Augeninnendruck gemessen wird oder die Spaltlampen zur Inspizierung der Augen. „Ich untersuche die Geräte aller Krankenhäuser in Indonesien, die von der CBM unterstützt werden,“ erklärt er, während er ein Objektiv auseinandernimmt.
Generell hat der Graue Star in Entwicklungs- und auch Schwellenländern gravierendere Folgen als in westlichen Ländern: Laut WHO leben 87% der weltweit 45 Millionen Blinden in der "Dritten Welt". Der Großteil hat sein Sehvermögen aufgrund des Grauen Stars verloren. Dabei kostet die Operation im Durchschnitt lediglich 30 Euro und gilt als eine der sichersten.

Erblindungen wegen fehlender Infrastruktur
Auch hier in Borneo bleibt die unzureichende Infrastruktur nicht ohne Folgen:
Samarinda, die 600.000-Einwohner-Stadt im Osten Kalimantans, ist mit Rohstoffvorkommen wie Erdöl, Erdgas, Holz und Kohle gesegnet. Vom wirtschaftlichen Fortschritt an den Küstenregionen allerdings profitieren nicht alle Einwohner in diesem Teil der Insel. Etwa 30% der Bewohner Borneos sind die im Inselinneren lebenden Dayak, eine Bezeichnung, die eine Vielzahl indigener Volksgruppen umfasst. Kann sich auch nicht jeder vom Grauen Star betroffene Einwohner Samarindas eine Kataraktoperation leisten, so ist dies für die Bewohner im Landesinneren ungleich schwieriger. „In Indonesien ist der Graue Star in der Regel viel fortgeschrittener als in Deutschland, denn viele Menschen sind zu arm, um eine Operation bezahlen zu können“, erklärt Dr. Arie. Hinzu kommt, dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht weiß, dass diese Erkrankung überhaupt durch einen operativen Eingriff und dann noch recht einfach und schnell geheilt werden kann. Nicht selten führen diese zwei Faktoren zu einem vollkommenen Verlust des Augenlichts.
Operationseinsätze im Hinterland
Deswegen fährt Dr. Arie mehrmals im Monat mit seinen Kollegen in die abgelegeneren Dörfer, um vor Ort zu operieren. Dieses sogenannte „Outreach-Project“ wird von der CBM unterstützt, die Kosten geteilt: „Die Operationen und das Gehalt für die Ärzte werden von der Regierung bezahlt. Wir finanzieren auch keine Gebäude und Krankenhäuser, dafür übernehmen wir die Ausgaben für Medizin und das Equipment,“ erklärt Dr. Mohanraj. Zu Letzterem gehören unter anderem drei der sechs im Krankenhaus verwendeten Mikroskope sowie ein mobiles Mikroskop. Die meisten dieser Dörfer liegen am Mahakam, dem mit 840km zweitlängsten Fluss Borneos, und die Reise in einfachen Booten zu ihnen dauert mehrere Stunden.
Die Touren sind anstrengend, und meistens bleiben die Ärzte über Nacht. „Manchmal sind wir auch im Norden, an der Grenze zu Malaysia. Dort operieren wir des Öfteren auch Malaysier, ohne es zu wissen. Aber wir können ja nicht jeden kontrollieren,“ erzählt Dr. Arie und lächelt dabei. Er möchte einfach helfen, da können auch Patienten aus dem Nachbarstaat unter dem Mikroskop liegen. Vor Jahren schon wurde er als Krankenhausleiter vorgeschlagen. „Aber ich bevorzuge diese Arbeit,“ kommentiert er bescheiden seine Ablehnung.

Augenlicht für Tausende!
Zirka 1000 Menschen wird im Jahr durch dieses Projekt die Linse ersetzt – und somit ein neues Leben ermöglicht, und das schon seit dem Jahr 2000. „Ich möchte gar nicht aufhören. In zwei Jahren gehe ich in Rente, aber am liebsten würde ich weitermachen,“ bedauert der 58-Jährige das Ende seiner beruflichen Laufbahn, die durch die gesetzliche Altersrente von 60 Jahren bestimmt ist. „Außerdem haben wir noch keinen Nachfolger gefunden. Nicht jeder will diese Arbeit machen und den Aufwand in Kauf nehmen.“
Porträt eines Mannes
Dr. Andrew Mohanraj, Landesbeauftragter der CBM für Indonesien.
© CBM
Indonesien gilt als Schwellenland, und so stellt sich die Frage, ob die Möglichkeiten für den indonesischen Staat, eine adäquate medizinische Versorgung für die ländlichen Gebiete zu gewährleisten, tatsächlich so beschränkt sind. Andrew Mohanraj bezweifelt das: „Die Regierung zählt auf die NGOs. Tatsächlich fehlt der politische Wille, die Tätigkeiten der NGOs zu übernehmen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Bevölkerung mit einbezogen werden muss, um daran etwas zu ändern.“
Provokation und Erfolg führen zu Systemveränderung
Die Arbeit in anderen Bereichen, zum Beispiel bei psychisch Kranken in Aceh im Norden Sumatras zeige, dass die Dorfvorstände durch Aufklärung und Unterstützung um die Probleme wüssten und entsprechende Fragen und Forderungen an die Regierung stellten. Diese müsse darauf reagieren, denn es ginge ja auch um Wahlen: „Wir provozieren und weisen Erfolge vor, und das müssen wir auch. So können wir das System verändern und haben damit tatsächlich Erfolg“, so der Landesbeauftragte.

Schön wäre es, wenn flächendeckend die ärmere Bevölkerung in abgelegeneren Winkeln des Landes über Operationen aufgeklärt und geheilt würde. Dann müssten Patientinnen wie Frau Tumirah nicht drei Jahre mit einer getrübten Linse leben und bereits Erblindete könnten geheilt werden und dadurch ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen.
 
Uta Depner, die Autorin dieses Berichts, studiert Journalismus an der Freien Journalistenschule in Berlin und hat 2010 Malaysia und Indonesien bereist.
Link: Grauer Star Simulator der CBM
Link: Brailleübersetzer der CBM
Link: Fingeralphabet
Link: Wissenstest zum Thema Katarakt
Link: Auslegung der Monatsandacht durch Mitarbeiter der CBM
Link: Bereich für Schulen, Kirchen und Gemeinden
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