Pressemeldung vom 11. Oktober 2005
Augenzeugin berichtet über erste Hilfe in Pakistan
11. Oktober 2005: Die Ärztin Dr. Chris Schmotzer, eine Schwester der Christusträger aus Bensheim und Mitarbeiterin in einem CBM-geförderten Projekt in Rawalpindi, war unmittelbar nach dem Erdbeben in der Krisenregion. Sie berichtet:
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Hilft vor Ort: Die CBM-Mitarbeiterin und Ärztin Chris Schmotzer war eine der ersten Helferinnen.
Foto: CBM
Zwei Fahrzeuge auf dem Weg
So entschlossen wir uns noch am Abend, nach Balakot zu fahren, weil wir hörten, dass die Lage im dortigen Leprahospital furchtbar sei. Wir luden 2 Fahrzeuge mit medizinischen Hilfsgütern, stellten ein Team zusammen ( Sr. Adelheid, Mr. Shakir, Mr. Younis, die Fahrer Sharfuddin und Haroon und Dr. Chris) und fuhren bei heftigem Gewitter los. Morgens um 2.30 Uhr kamen wir ins Kaghan-Tal, kurz vor Balakot konnten wir nicht weiterfahren, weil die normale Straße durch Erdrutsche blockiert war und die Fahrt über die alte, klapprige Holzspannbrücke bei Hassa in der Dunkelheit zu gefährlich war.
Felsbrocken erschweren Weiterfahrt
Wir warteten, bis es hell wurde, und setzten dann unsere Reise fort. Kurz vor Balakot war auch die Ausweichstraße durch riesige Felsbrocken blockiert und wir mussten die letzten 1,5 km unsere Sachen zu Fuß schleppen.
Um es kurz zu machen: Balakot gibt es praktisch nicht mehr, man sah nur zusammengebrochene Häuser, Menschen, die schlotternd vor Kälte in den Feldern saßen, und Verletzte und Tote.
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Ein Bild aus guten Tagen: Das von der CBM mit aufgebaute Krankenhaus in Battagram.
Foto:CBM
Weinend wurden wir von Kindern der Patientenfamilien empfangen, alle hatten Angehörige verloren oder suchten nach Vermissten. Es gab weder Strom noch Wasser noch Telefonverbindung. Wir waren offensichtlich das erste Team, das es dorthin schaffte. Da es den ganzen Tag noch Nachbeben gab, machten wir in der Hospitaleinfahrt ein "Behandlungszentrum" auf. Von den Gebäuden des Hospitals steht fast nichts mehr. Ein Schrank aus den Trümmern wurde mein Schreibtisch, Türen auf Steinen ergaben die Behandlungstische.
Zwei Kinder erfroren - ohne größere Verletzungen
Bald fing der Ansturm der Verletzten an. Wir sahen es als Hauptaufgabe, die Schwerverletzten von den leichteren Fällen zu "sortieren", die letzteren an Ort und Stelle zu versorgen, und den ersteren für den Transport nach Mansehra oder Abbottabad erste Hilfe zu geben (Schmerzbekämpfung, Verbände etc). Ein Strom des Leides ergoss sich über uns, Menschen starben vor unseren Augen und viele waren so im Schock, dass sie zu keinen klaren Gedanken fähig waren, geschweige denn uns halfen. Die Mehrzahl der Verletzten hatte tiefe, dreckige Wunden und Knochenbrüche aller Schweregrade und Lokalisationen. Leider sah ich auch 2 Kinder, die wohl in der Nacht erfroren sind, ohne größere Verletzungen gehabt zu haben. Von unseren Patienten starben mindestens 6, ca. 20 waren verletzt, manche schwer. Einige sind noch vermisst.
Dauerpatienten nach Rawalpindi gebracht
Wir entschieden, dass wir "den Rest" der behinderten Dauerpatienten (7) nach Rawalpindi mitnehmen, eine davon hat auch einen Wirbelbruch. Im Laufe des Tages begann die Armee Patienten mit Hubschraubern auszufliegen, das hat vielen von denen, die wir sahen, sicherlich sehr geholfen. Oft kam es auch zu aggressiven Szenen, weil die Menschen hungrig und durstig waren und keine Hilfe in Aussicht war und sie ungeduldig wurden.
Am Nachmittag sahen wir, dass Privatleute und NGOs anfingen, Lebensmittel, Decken und Medizin zu verteilen. Die Armee brachte schweres Gerät, um die Hauptstraße nach Balakot wieder frei zu bekommen. Hoffentlich können sie auch bald die richtige Brücke über den Fluss reparieren.
Chaotische Szenen auf Holzbrücke
Auf dem Rückweg mussten wir wieder über die wackelige Holzbrücke, da spielten sich chaotische Szenen ab, weil sich alles gegenseitig blockierte und niemand für Ordnung sorgte. Fast alle Fahrzeuge hatten Verletzte geladen, Fußgänger trugen auf Betten Verwundete und Tote, Familienclans versuchten einfach, die Hauptstraße zu erreichen, um die Nacht bei Verwandten unterzukommen. Wir kamen dann mit unseren Patienten abends spät wieder gut in Rawalpindi an.
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Nach dem Beben: Die Klinik in Battagram ist völlig zerstört.
Foto: CBM/argum/Einberger
Übrigens haben wir heute gehört, dass es auch in Battagram erhebliche Schäden gegeben hat, unsere Augenabteilung ist zerstört und Dr. Jawad wird morgen mit einem Bauingenieur hinfahren, um sich alles anzusehen. Ein anderes Team ist heute wieder nach Balakot gefahren, um zu sehen, ob und wie dort weitere Hilfe geleistet werden soll.
Augenarzt kehrt freiwillig aus Peshawar zurück
In all dem Tod und Chaos gibt es auch Lichtblicke, z.B. unsere Fahrer, die sich unglaublich eingesetzt haben und mit Augenmaß und Sachverstand handeln, oder den Augenarzt in Battagram, der freiwillig aus Peshawar zurückkehrt, um den Menschen zu helfen.
Leben ist stärker als der Tod!
Wir danken auch allen herzlich, die bisher an uns gedacht und für uns gebetet haben und uns Hilfe angeboten und zugesagt haben. Es gilt weiterhin, dass das Leben stärker ist als der Tod! Herzliche Grüße aus Rawalpindi"





