Die CBM beginnt wieder zu leben

Magdalena und Siegfried Wiesinger übernehmen eine CBM, die völlig am Boden liegt

Porträt von Magdalena Wiesinger
Magdalena Wiesinger
© CBM
Ernst Jakob Christoffel legte 1908 den Grundstein für die CBM, als er in die Türkei ausreiste, um dort ein Heim für Blinde, Körperbehinderte und Waisen zu gründen.  Ein halbes Jahrhundert später wäre die Geschichte der CBM um ein Haar zu Ende gegangen, wenn da nicht das Ehepaar Magdalena und Siegfried Wiesinger gewesen wäre. 
Es übernahm 1961 die Leitung einer damals sehr kleinen Organisation, die sich um blinde Menschen im Iran kümmerte, und sorgte bereits innerhalb der ersten zehn Jahre für einen beispiellosen Aufschwung: Schon 1974 wurden 153 Hilfsprojekte in 31 Ländern gefördert.
2009 jährt sich zum zwanzigsten Mal der Tod von Siegfried Wiesinger. Wir sprachen daher mit Magdalena Wiesinger über den Beginn der zweiten großen Epoche bei der CBM.

Ein Haus.
Bis 1968 befand sich die "CBM-Zentrale" in Bad Sachsa.
© CBM
Gebäude der CBM
In Bensheim ist der Hauptsitz der CBM ab 1968.
© CBM
Liebe Frau Wiesinger, was fanden Sie vor, als Sie mit der Arbeit begannen?
Die "CBM-Zentrale" befand sich in Bad Sachsa (nahe der damaligen "Zonengrenze") in einem kleinen Haus. Es gab niemanden mehr, der die Spenderbetreuung kontinuierlich führte. Wir fanden noch Karteikarten von ca. 4.000 Spendern: Monatlich kamen ca. 4.000 DM an Spenden herein .
In Isfahan war das Heim in einem schlechten Zustand. Es gab nicht einmal mehr Betten für alle Jungen. Und der Unterricht fiel auch aus, denn es gab keine Lehrer mehr.  
Das heißt doch, dass die CBM am Ende war?
Ja, der Deutsche Evangelische Missionsrat empfahl damals, die CBM zu schließen. Es gab Überlegungen, sich mit anderen Werken, die eine ähnliche Ausrichtung hatten,  zusammenzuschließen.
Doch dann kamen Sie. Wie muss man sich das vorstellen: Haben Sie sich beworben? Gab es eine Zeitungsanzeige?
Das ist eine abenteuerliche Geschichte: Der Gardinenfabrikant Ewald Renz besuchte auf einer Geschäftsreise das Heim in Isfahan, erkannte die große Not und nahm Kontakt mit dem CBM-Missionsrat auf. Er war bereit, sein Geld für die CBM einzusetzen, wenn ein geeigneter neuer Leiter für die Geschäftsführung gefunden würde.
Wir erhielten daraufhin einen Anruf von Pfarrer Heinrich Kamphausen, der dem damaligen Missionsrat angehörte. Er gab uns einen Tag Bedenkzeit, ob wir die Leitung des Heimes in Isfahan und die Gesamtleitung übernehmen wollten.
Was waren für Sie die ausschlaggebenden Faktoren für das schnelle Wachstum der CBM?
Mein Mann setzte damals darauf, den einzelnen Missionsfreund intensiv zu betreuen und zu informieren. Damit wurde das Werk auf eine breite Basis gestellt. Wir waren nicht zu abhängig von staatlichen oder anderen (Groß)-Geldgebern.
Hinzu kam, dass in den 70er Jahren in den christlichen Gemeinden ein neues Verständnis dafür gewachsen war, dass in der Verkündigung Wort und Tat gleichberechtigt sind. Und genau diesen Eckpfeiler hat die CBM vertreten und somit eine breite Anerkennung gewonnen. Außerdem löste sich die CBM von dem damaligen Standpunkt, als Missionswerk eigene Projekte fördern zu müssen. Sondern sie setzte darauf, mit Organisationen und einheimischen Kirchen als Partner gemeinsam die Projekte vor Ort zu fördern. Das war neu – und zumindest damals nicht ganz unumstritten.
Die Folge davon war eine immense Anerkennung und viel Respekt für die CBM in den Ländern der Dritten Welt. Das machte uns Mut, unser Anliegen auf einer breiten Basis bekannt zu machen. Wir entschlossen uns daher, erstmals Spender auch durch Beilagen in Kirchenzeitungen in ganz Deutschland zu gewinnen. Unsere Botschaft wurde verstanden.
Wir sind in den 70er Jahren sehr schnell gewachsen – vielleicht ein wenig zu schnell. Weil wir viel Zeit in den Aufbau unserer Projektarbeit stecken mussten und wollten, fehlte uns auf der anderen Seite die Zeit und Kraft, eine vernünftige Lobbyarbeit aufzubauen, die ein Werk unserer Größe einfach braucht.
Tubenprospekt
Der Tubenprospekt: Tetracycline-Salbe rettet Augenlicht!
© CBM
Welche neuen Werbemethoden setzten Sie damals ein?
Wegen der Dringlichkeit der bei uns neu entstandenen medizinischen Arbeit (Blindheitsverhütung und Operationen am Grauen Star) suchten wir nach neuen Möglichkeiten, diese Arbeit weiter auszubauen. Auf einem Flug innerhalb der USA kam meinem Mann die Idee für ein "Direct-Mailing-Konzept", das breit angelegte Werben mit einer bestimmten Broschüre zu einem bestimmten Zweck. Durch dieses neue Werbemittel wuchs die Spenderschaft in wenigen Jahren auf 500.000 Leute an. Wir warben damals mit einem genial gefalteten Prospekt um fünf Mark für die Behandlung mit Tetracycline-Augensalbe. Das war ein großer Erfolg.
Wie sah damals die Projektarbeit aus?
Die CBM sollte als überkonfessionelles Werk erhalten bleiben. Der ökumenische Gedanke war uns sehr wichtig. In den CBM-Ländern sollten Partnerschaften mit verschiedenen Organisationen möglich sein (andere Konfessionen, weltliche Partner, Blindenorganisationen etc.).
Viele andere neue Partnerschaften und Projekte entstanden durch Kontakte mit anderen Missionsgesellschaften. Es gab keine besondere Strategie beim Aufbau von neuen Projekten, sondern die CBM folgte dem Prinzip "wir gehen dorthin, wo man uns braucht, ruft und haben will". Wir wurden sehr schnell als Fachorganisation bekannt, die auf den Gebieten der Rehabilitation behinderte Menschen und der augenmedizinischen Arbeit professionell Hilfe anbietet.
Welches Erlebnis hat Sie mit am stärksten für die tägliche Arbeit motiviert?
Ein einschneidendes Erlebnis war eine Augensafari im Iran. Wir kamen damals in Orte, in denen vor uns noch nie ein Augenarzt war. Es kamen so viele kranke Menschen, dass es eigentlich nicht machbar war, allen zu helfen. Die Leute hatten Angst, dass wir nicht mehr wiederkommen würden und ließen uns daher nicht ziehen. Wir organisierten Lampen, um bis tief in die Nacht hinein zu untersuchen.
Kurz darauf waren wir zu Gesprächen in der Hauptstadt. Eine Bekannte machte mich auf einen blinden sechsjährigen Jungen aufmerksam, der in einem dunklen, dreckigen Holzverschlag neben den Ziegen "leben" musste. Damals wurde mir die Wertlosigkeit deutlich, mit denen blinde und anders behinderte Menschen behaftet sein können. Hier musste Abhilfe geschaffen werden für möglichst viele Betroffene, nicht nur punktuell, sondern überall auf der Welt.
Die Liebe Christi, die wir selbst erfahren durften, gebietet uns, sie in ihrer Gesamtheit in Wort und Tat weiterzugeben, weil jeder einzelne Mensch, ganz besonders aber die Vergessenen und Vernachlässigten, vor Gott wert geachtet sind.
Eine Frau und ein Mann stehen vor einem Gebäude.
Das Ehepaar Wiesinger
© CBM
Zu Ihren Hauptaufgaben zählte in den 70er Jahren vor allem der Aufbau der Mitgliedsvereine in den USA und Kanada. Was gab den Ausschlag für diese Ausweitung?
Es gab viele deutschstämmige Auswanderer, die uns Geld nach Deutschland schickten. Diese Spenden waren aber in den USA und Kanada nicht als gemeinnützig anerkannt. Viele Spender fragten an, ob das geändert werden könnte. Unsere Antwort: Ja, indem wir einen dort ansässigen CBM-Verein gründen. Außerdem hatten wir in Deutschland einen großen Mangel an ausreisewilligen Fachkräften. In Amerika fanden wir damals eine größere Bereitschaft von Christen, die sich für diese Aufgabe begeistern ließen.
Ende der 80er Jahre gab es eine Medienkampagne, die leider letztendlich zum Tod Ihres Mannes führte. Wie haben Sie diese Zeit vor dem tragischen Ereignis in Erinnerung?
Für mich – und für meinen Mann - war es eine sehr belastende Zeit. Vor allem das ganze Jahr 1988 war gefüllt mit Bedrohungen, ungerechten Bezichtigungen und Rufschädigungen – durch einige einzelne Journalisten, die, aus welchen Gründen auch immer, unbedingt einen Skandal präsentieren wollten. Diese Ungerechtigkeit hat uns in unserer Arbeit und unserem Empfinden schwer beeinträchtigt. Für meinen Mann hatte es negative gesundheitliche Folgen. Viele der Anfeindungen – so sehe ich es im Rückblick – hatten ihre Ursache im schnellen Wachstum der CBM, das oft auch neidvoll zur Kenntnis genommen wurde.
Aufgrund der Behauptungen musste die Staatsanwaltschaft damals gegen die CBM und gegen Sie persönlich ermitteln. Im darauffolgendem Jahr gab es die positive Nachricht, dass sich die Verantwortlichen nichts haben zuschulden kommen lassen. Die Staatsanwaltschaft schrieb damals unter anderem: "Vielmehr ist davon auszugehen, dass die CBM mit den erhaltenen Spenden in vorbildlicher Weise umgeht und in der Dritten Welt einen vorzüglichen Ruf genießt ... Zusammenfassend ist festzustellen, dass von den erhobenen Vorwürfen in strafrechtlicher Hinsicht nichts übrig geblieben ist." Leider wurde diese Meldung nicht mehr ausreichend genug von den Medien publiziert. Wie haben Sie diese Entscheidung damals erlebt?
Das Schreiben der Staatsanwaltschaft war für mich eine Art von Rehabilitation. Wir hatten zwar nichts anderes erwartet, da wir uns nichts vorzuwerfen hatten. Aber aufgrund der Massivität der öffentlichen Anschuldigungen war diese Nachricht für meine Familie und für mich ein wichtiger Akt, um unseren guten Ruf wiederhergestellt zu sehen. Leider kam diese Nachricht für meinen Mann zu spät.
Was wünschen Sie der CBM für die Zukunft?
Ich wünsche der CBM, dass sie weiterhin die Brücke schlagen kann zwischen den Menschen in Deutschland, die mit ihrer Liebe und Gaben helfen wollen, und den hunderttausenden von blinden und anders behinderten Menschen, die Hilfe brauchen.
Vielen Dank, liebe Frau Wiesinger, für dieses interessante Gespräch. Wir möchten Ihnen an dieser Stelle auch für all das danken, was Sie in den vielen Jahrzehnten für die Menschen mit Behinderungen in Afrika, Asien und Lateinamerika getan haben. Ohne Ihr Wirken wären heute viele augenkranke, blinde und anders behinderte Menschen noch ohne jede Hilfe.
Link: Grauer Star Simulator der CBM
Link: Brailleübersetzer der CBM
Link: Fingeralphabet
Link: Wissenstest zum Thema Katarakt
Link: Auslegung der Monatsandacht durch Mitarbeiter der CBM
Link: Bereich für Schulen, Kirchen und Gemeinden
Link: Nothilfe für Philippinen
Link: CBM auf Facebook
Link: CBM auf YouTube
Link: Newsletter der CBM bestellen
Link: RSS der CBm abonnieren
Link: CBM Kinderpate werden